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mit dem Auge des lebensfrohen Menschen [zu] betrachten«14. Flott und
mit Witz geschrieben, ist die Zeitung mit ihrer »boulevardesken« An-
mutung indessen keineswegs eine kleinkrämerische und kleinkarierte
»Hausmeisterzeitung«, sondern steht politisch und gesellschaftspoli-
tisch links der Mitte.
»Die Stunde« vertritt unter der Chefredaktion von Karl Tschuppik
entschieden die Interessen des republikanischen Bürgers gegen jegliche
in die neue Staatsform mitgeschleppte behördliche Bevormundung,
insbesondere sittenpolizeiliche Schnüffelei und Justizwillkür, arbeitet
programmatisch gegen die von der christlichsozial dominierten Bundes-
regierung betriebene Provinzialisierung der ehemaligen Metropole des
Vielvölkerstaats, reagiert in ihrer europäischen Perspektive gegen die
wieder Platz greifenden Nationalismen und insbesondere vehement
gegen den nationalistischen »Kretinismus« (so die redaktionelle Stan-
dardbezeichnung) der Großdeutschen, gegen Kleingeisterei und Re-
vanchismus, Militarismus und den endemischen Antisemitismus sowie
das Lavieren der Christlichsozialen in Sachen Antisemitismus.
Bei der »Stunde«, diesem, ungewöhnlich für Wiener Verhältnisse, in
keinem Naheverhältnis zu irgendeiner politischen Parteiung stehenden
Boulevardblatt, deren Redaktion er bis Juli 1924 angehört, ist Anton
Kuh vor allem »Erster Theaterkritiker«
– der sich auch von den dama-
ligen »Bildungsschichten« noch verschmähter Unterhaltungsformen
wie Kabarett, Revue und Varieté, Zirkus und Tanz annimmt und ins-
besondere auch über Jargon-Bühnen berichtet, die für die bürgerliche
Presse nicht gesellschaftsfähig sind. Daneben aber immer auch hell-
wache Beobachtungen des »Kulturchronisten«15, der die Physiognomie
der Zeit so luzide erfaßt, wie er sie brillant zeichnet. Wenn er etwa 1923
im demonstrativen Bekenntnis zum Strauß-Walzer »eine Art musika-
lisches Hakenkreuz auf der Brust der Antishimmyten«16 erblickt oder
1926 im »Gent-Gesicht«, der Mode, wieder Schnurrbart zu tragen, eine
Backlash-Reaktion auf Bubikopf* und Frauenemanzipation.17 Politik
und inbesondere die völkischen und hakenkreuzlerischen Umtriebe
gehören weiterhin zu seinem schreiberischen Portefeuille.
Letztere sind Alltag und tagtägliches Ärgernis. Am 11. April 1923
expliziert Anton Kuh seine einschlägigen Thesen vor dem Bezirksgericht
* Der »Buben-« resp. »Bubikopf« ist Anfang der 1920er Jahre ein »Kul
tur-
kampf«-Thema. Den Fortschrittlichen ist er Merkmal und Ausdruck der
emanzipierten, selbstbewußten und selbstbestimmten »neuen Frau«, den
Konservativen Schreckbild und Inbegriff der aus den Fugen geratenden
»natürlichen« Geschlechterordnung.
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien