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aspirant ein Taggeld. / An Sonn- und Feiertagen aber ist er gewiß, die
bändergeschmückte Laute um die Hüfte geschnallt, mit dem Nagel-
schuh auf die Erde stampfend, als ob sie ein Freundesgesicht wäre, ins
Freie hinausgezogen: Juvivallervallera!«25
Im Juli 1924 weist Kuh wieder einmal darauf hin, daß die Sicherheits-
behörden, und insbesondere die Wiener Polizei, die offen ihr Unwesen
treibenden Hakenkreuzler ungeschoren lassen.26 Der Anlaß: Am Sonn-
tag, 6. Juli 1924, rückt eine Hundertschaft Wiener Nationalsozialisten
nachmittags von einer »Felddienstübung« in den Donau-Auen um
Klosterneuburg ab nach Wien. Mit zwei entrollten Hakenkreuzfahnen,
bewaffnet mit Pistolen, Bajonetten und Totschlägern, marschiert der
Trupp der berüchtigten »Brigade Roßbach«, »Die Wacht am Rhein«
und, Augen- und Ohrenzeugen zufolge, ein Lied mit dem Refrain
»Zerschlagt die Juden-Republik! Zerschlagt die Juden-Republik!« sin-
gend, auf dem Weg zum Bahnhof Kierling um 17.30 Uhr am Kloster-
neuburger Sportplatz vorbei, wo ein vom örtlichen sozialdemokrati-
schen Arbeiterturnverein veranstaltetes Schauturnen mit Volksfest und
etwa tausend Besuchern im Gang ist, und nimmt dort Aufstellung. Ein
sozialdemokratischer Ordner, der ersucht, nicht zu provozieren, wird
mit Stöcken und Bajonetten attackiert, und auf den Befehl »Schwarm-
linie!« gehen die Nationalsozialisten zum Sturmangriff auf den Sport-
platz über. Erste Schüsse fallen, unter den Besuchern des Turnfests bricht
Panik aus, von der auch die zahlreichen Ausflügler und Badegäste, die
wegen des nun einsetzenden Regens zum Bahnhof Kierling unterwegs
sind, erfaßt werden. Bilanz des dreiviertelstündigen Tumults auf dem
Gelände des Sportplatzes und der anschließenden Straßenschlachten:
sechs Schwer- und fünf Leichtverletzte, vierundfünfzig von der Gendar-
merie in der Klosterneuburger Pionierkaserne in Verwahrungshaft ge-
nommene Hakenkreuzler. Ans Landesgericht Wien überstellt, sind sie
am Dienstag, 8. Juli 1924, bis auf zehn wieder auf freiem Fuß.
Mit Argusaugen beobachtet Kuh auch, was jenseits der Grenzen
passiert, insbesondere die Peripetien der Weimarer Republik verfolgt
und kommentiert er so besorgt wie hellsichtig:27 den republikfeindlichen,
separatistischen Kurs, den Bayern unter Ministerpräsident Gustav Ritter
von Kahr seit 1920 steuert; die Niederschlagung der Umsturzversuche
in Sachsen und Thüringen im Herbst 1923;28 die pogromartigen Aus-
schreitungen
– Plünderung von Bäckereien, Fleischhauereien und ande-
ren Lebensmittelgeschäften – am 5. November 1923 in Berlin infolge
einer massiven Erhöhung des Brotpreises, bei denen jüdische Geschäfte
in der Münz-, Dragoner- und Grenadierstraße (dem »Berliner Ghetto«)
systematisch ausgeraubt und devastiert werden, jüdische Wohnungen
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien