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»Der Rest ist Speiben« – Theater-Kritiker
Ausgerechnet in der Domäne bürgerlichen Kulturtreibens exerziert
Anton Kuh über Jahre seinen antibürgerlichen Habitus – als Theater-
kritiker resp. Theater-Kritiker: von Januar 1916 bis August 1917 im
»Prager Tagblatt«, von Herbst 1917 bis Herbst 1919 mit einer staunen
machenden Frequenz von drei, vier Aufführungsbesprechungen pro
Nummer in der Wiener Montagszeitung »Der Morgen«, dann kurz-
zeitig, im Winter 1922/1923 in der »Wiener Sonn- und Montags-Zei-
tung« und ab März 1923 bis Mitte 1926 als »Erster Theaterkritiker« der
»Stunde«.
Kuh unterläuft die eingeschliffenen Routinen der etablierten Theater-
kritik mit ihrer betulichen Fadesse und ihren abgegriffenen Klischees.
Er versieht sein »Kritikeramt«
– eine Bezeichnung, die er sich verbeten
hätte
– nicht als Wegweiser in aestheticis, magistrale Anmutungen sind
ihm gänzlich fremd. Der Gestus seiner Besprechungen ist nicht der des
Fachmanns, der seine Leser aus der privilegierten Position des Kritikers
heraus belehrt oder der schulmeisternd erzieherisch auf Schauspieler
einzuwirken versucht, sondern der des »Gesinnungsenthusiasten«1.
Ohne gleich so etwas wie »Theaterpolitik« machen zu wollen, interes-
siert sich Kuh sehr wohl auch für den »Betrieb«, für die Rahmenbedin-
gungen, hält etwa mit seiner Meinung über Theaterleiter nicht hinter
dem Berg, straft das Gewese, das jahrelang, von den späten 1910er bis
Mitte der 1920er Jahre, um das marode Burgtheater gemacht wird, mit
Verachtung. Statt den Zeitungsleser fünfmal in der Woche mit dem
Geseiere über die »Burgtheaterkrise« zu belästigen, solle man das herab-
gewirtschaftete Burgtheater – »ein dekorativer Lesebuchbegriff, mit
einem ganzen Hofstaat von Nichtskönnertum, Erbgesessenheit und
Schablonenwirtschaft«2 –, um nicht jedesmal aus einer Kunst- gleich
eine Zeremoniellfrage zu machen, umbenennen in »Stadttheater am
Franzensring« und endlich, »statt es ewig zaghaft-prätentiösen Schüler
der ihm vorgetrommelten Bedeutung sein zu lassen, einmal die Riesen-
feuilleton-Handschuhe, mit denen man jede Reprise und jedes Gastspiel«
anfasse, ausziehen.3 Nicht das Burgtheater, eine Bühne, »von der ein
gutmütig verschwätzter Dilettantismus, eine zu Taten berufene ›Deut-
sche Schularbeits‹-Phantasie den letzten Prestigerest weggeblasen hat,
um darauf peinliches Provinzlertum zu etablieren«4, sondern die »Neue
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien