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Wedekind hingegen ist ihm, Kuh, der »große Wahrheitsager, der wie
kein zweiter hinter dem Menschen das stets lauernde Gespenst der Ge-
schlechtsnot erschaute und aus der Physiognomie der Kultur ihre Spuren
herauslas«.16 Er macht sich wiederholt in Stegreif-Reden zum Apologe-
ten seines literarischen Hausheiligen. Hält am 1. April 1919 an der
»Neuen Wiener Bühne« die einleitende Conférence zur Aufführung
von Wedekinds »Büchse der Pandora«, weil es angesichts der alles er-
stickenden Philistrosität notwendig erscheine, »schonungsvoll auf Kom-
mendes vorzubereiten und den hohen Kunstsinn niederer Begebenheiten
aufzuzeigen«,17 neben dem nichts, was an Zeitgenossen fürs Theater
arbeitet, bestehen könne. Und wird nicht müde, für den Bürgerschreck,
der den deutschen Philister aus seiner selbstgerechten Ruhe, den Unter-
tan aus seiner devoten Bierseligkeit riß, den aufwieglerischen Sexual-
revolutionär, dem er sich wesensverwandt fühlt, die Trommel zu rühren.
Reagiert vergrätzt, wenn man der Sprengkraft seiner aufrührerischen
Stücke ihre Brisanz nimmt und seiner »zähnefletschenden Sachlichkeit«
den Zahn zieht. Wenn etwa das Raimund-Theater aus dem Veitstanz
der »Kaiserin von Neufundland« einen pantomimischen Kabarett-
G’schnas macht und diesen unter der Regie von Renato Mordo so brav
und »normal-gebändigt« aufführt, »als ob Wedekind des Teufels Kaba-
rett-Conférencier wäre und nicht Gottes Stiefsohn«.18
Kuh kennt seine Pappenheimer – so gut, daß er es sich bisweilen
ersparen kann, bei der Aufführung anwesend zu sein, ohne deswegen auf
ein öffentliches Urteil zu verzichten. Etwa Leopold Jessners Inszenie-
rung von »Richard III.« mit Fritz Kortner in der Hauptrolle, die im
Dezember 1921 im Wiener Raimund-Theater gastiert. Da befreit er sich
sehr gern selbst von diesem »Schulgeld der Erfahrung« und der Unbe-
quemlichkeit eines Theaterabends, weil er »durch die genial-telepathische
Fähigkeit [s]eines Gehirns ebenso wie durch die unendliche Typen-
wiederholung im einzelnen« ohnehin weiß, was geboten werden würde.
Er denkt gar nicht daran, sich die »Vorstellung von so seismographi-
scher Exaktheit, wie sie sich zwischen den vier Gehirnwänden einstellt,
durch einen Besuch jener andern Vorstellung« verwischen und sich seine
Freude an Shakespeare ein für allemal verderben zu lassen. – Frivol,
ungerecht?
– Kuh zieht es bisweilen vor, »dem Irrtum die Ehre als der
Wahrheit die Unehre zu geben! Man muß auch seine Stiefkinder haben,
vielleicht ist dies sogar der Sinn aller Kunstkritik. Ihre Verwirrer glau-
ben nämlich immer, daß es sich um das ›Treffliche‹ oder ›Unzulängliche‹
handle. Falsch! – es handelt sich auch darin, wie im Leben, nur um die
Physiognomien; nur darum, wer darf und wer nicht; wer das gute und
wer das schlechte Urgesicht trägt; wer ›trotzdem‹ recht hat und trotz-
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien