Page - 166 - in Anton Kuh - Biographie
Image of the Page - 166 -
Text of the Page - 166 -
166
Ausdruck des Bedauerns zurück: »Weder stapelt er so tief, noch suder-
mannt er so hohl. Besser nennt man ihn Radio-Raupach. […] Er weiß
alles, hört alles, sieht alles
– und wird das Idiom der Welt nicht los, auf
die er so tapfer losgeht. Seine Sprache paßt trotz ihrer Essay-Herkunft
ins Kontor. […] Er tut keinem Bürger weh. Aber das ist immer so bei
den gutgemachten Theaterstücken.«35 Ähnlich Kuhs Einschätzung von
Kaisers »Kolportage«: »Georg Kaiser gelingt es diesmal, dem Publikum
sein dramatisches Leibgericht (Henny-Porten-Brust mit Olaf-Fönss-
Nockerln) unter parodistischen Gänsefüßchen vorzusetzen und es mit
der altvertrauten lieben Speise zugleich das Überlegenheitsgefühl gegen
jene genießen zu lassen, die sich von so was ernsthaft ernähren. Er läßt
dabei freilich zutiefst in seine dramatische Küche blicken. ›Kolportage‹
nämlich (im besten Sinne) ist jede Zeile, die er schreibt. Er ist der genialste
Lokalreporter der deutschen Bühne«.36
Allergisch reagiert Kuh auf die drei »Brrrs«: »Brecht, Brust, Bronnen,
Brüllen, Brunst, also: Brrr!«37
An Franz Werfel schätzt Kuh, »daß er, der die geringsten Schwin-
gungen seiner Generation mitfühlt, zugleich Gesinnung behält, das heißt:
daß seine Gescheitheit sich nie des antipodischen Gewissens entäußert«.
In »Juarez und Maximilian« sei es ihm überraschend gut gelungen,
»diese Gedankenhoheit aus dem Klima Shakespeares in die milde, patsch-
weiche Zone des 1860er Österreichertums überzuführen, ein Zwielicht
von Golgatha- und Kohlmarktlüften zu erzeugen«. Auch wenn das
Drama, wie alles bei Werfel, »etwas zu vernunftschroff« daherkomme,
und »es auch sonst einiges Penetrante und Vorlaut-Pointierte etwa wie
bei einem ›Neue Rundschau‹-Essay« gebe – »wie viele unter den dich-
tenden Zeitgenossen verstehen es noch, auf solchem Gehirn-Niveau
dramatisch wirksam zu sein?«38
Aus demselben Grund schwärmt Kuh hymnisch über Luigi Pirandel-
los »Sechs Personen suchen einen Autor«: »eines der klügsten, origi-
nellsten [Stücke], die je geschrieben wurden«, ein »vielfärbig leuchten-
der prismatischer Essay über das Theater« und darin eingebettet »seine
eigentlichere und tiefere Idee: das Problem der menschlichen und dich-
terischen Scham«.39
So wie er »Dampf und Schwall« verabscheut, liebt Kuh das schau-
spielerische Ingenium der »Budapester«, des »Budapester Orpheums«,
der Wiener Jargon-Bühne mit ihrem Star Heinrich Eisenbach, deren
Possen ihm Sensationen sind, »als deren Vorwand kein Text zu schlecht
sein kann«.40
Er schätzt den Esprit, die Grazie Franz Molnárs, der’s »im Hand-
gelenk [hat], daß die Komödie ein Abbild des Gemeinen ist und kein
back to the
book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien