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Technik) die beste Mischung geben, hat sich der Esprit auch der unte-
ren Schichten bemächtigt.«43
Bei seiner tiefen Abneigung gegen das sogenannte »Tendenzstück«,
den dramatisierten Leitartikel und die dialogisierte Volksbildungs-
broschüre sind ihm solche Abende lieber, »als wenn es im Text proble-
matelt und der Spieler seinen Tiefsinnkren dazu gibt.«44
Deshalb begrüßt er im September 1919 – da auch »welsche« Stücke
wieder auf Wiener Bühnen gespielt werden dürfen – das Lustspiel
»Jeanne qui rit« (»Sie lacht«) von Maurice Soulié und Charles Daran-
tière: »O unersetzliches odeur d’Entente, beschwingteste Frechheit,
leichtestes Roben-Spiel. Eine dünne, wie aus Zündhölzeln gebaute Sache,
deren Einfall hart an ein tragisches Sexualproblem streift: Jeanne lacht,
sooft … daher versagt ihr Mann, sooft … Französisch ist das Spiel der
Gedanken-Punkte (bei einem deutschen wären es breite Gedanken-
Striche).«45 Sieht in Mazauds »Le cocu« (»Dardamelle, der Betrogene«)
und Courtelines »Mimensiegen« die »alte Franzosenart: vom Worte
ausgehen – ein Stück Mensch durchschreiten – und wieder ins Wort
münden«.46 Schätzt, trotz mancher Albernheiten, Sardous Komödie
»Die guten Freunde«: »Hier ist ›Timon von Athen‹-Witz in Konversa-
tionsübertragung. Es gibt ebensoviel Stellen darin, wo Sardou der En-
kel Molières, als solche, wo er bloß der Großvater Sacha Guitrys ist.
Und immer genug Grazie, daß sie sogar allen überlegenen Terrainkennt-
nissen des Zuschauers Stand hält.«47 Das »frohe Wohlbehagen«, das
Franzosenstücke wie diese Komödie Sacha Guitrys auch dann hinter-
lassen, wenn ihr Gerüst durchschaubar ist, komme von einem »inneren
Wohlgeruch ihrer Menschen«: »Sie riechen innerlich – durch den Man-
gel an Gesinnung.« Die »Leichtigkeit, Munterkeit und Eleganz« dieser
Stücke, was sei das andres als eine »chronische Unobstipiertheit durch
Überzeugungen«?48
Franz Herczegs quick tänzelnde Komödie »Blaufuchs« vom »Haus-
freund (sprich: Freund des Hauses), der den Mann, um sein Jugendideal
betrogen, zur Scheidung von der ungetreuen Gattin drängt, um sie dann
mangels Qualifikation zum Hausfreund (sprich: Freund der Hausfrau)
selbst zu ehelichen, dieses Spiel zwischen dem Geliebten, der mit den
ethischen Hörnern, dem Mann, der mit der gemütlichen Grille, und der
Frau, die mit dem Blaufuchs zur Welt gekommen ist«, stellt Kuh noch
über die von ihm so geschätzten »Franzosenstücke«: »Aus dem leicht
gerührten Schaum, den die eine Hand psychologisch und die andere
arithmetisch quirlt und beide so rasch, daß man nicht mitkommt, wird
eine Crème à la Boelsche. (Lasterweibchen : Tugendmännchen, wobei
die Tugend despotischer Besitzerwahn und das Laster schmiegsame
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien