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deutsche Minorität, für diese Qualen bekomme. Mit dem Resümee:
»Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Qualen, mit denen das hier
herrschende System namentlich die deutsche Bevölkerung bedrückt und
terrorisiert. […] Wir sehen also, daß ein Vergleich zwischen Prag und
Wien immer noch zugunsten der Donaustadt ausfällt. Man kann die
Wiener Polizei und Bürokratie mit den schwärzesten Farben malen,
ohne daß man an die hiesigen Zustände herankommt. Denn hier ist alles
Polizei, vom Kesselflicker bis zum Minister, und jeder tschechische
Patriot rechnet es sich zur Ehre an, den Spitzel und Denunzianten zu
spielen, wo er nur kann. Von Demokratie ist nicht eine Spur. Und wenn
der Vortragende etwas unklar sagt, daß man in der Tschechoslowakei
etwas für die Qualen der Bürokratie bekommt, so können wir Deutsche
ergänzend hinzufügen: Ja, Fußtritte, Schikanen und Schmähungen.«131
Die »unverschämte und freche Weise«, in der das »jüdisch-liberale
Prager ›Montagsblatt‹« über die »hiesigen Verhältnisse« berichte, reizt
wiederum »Národní politika« zum Zorn und zur unverhohlenen Dro-
hung gegen dessen Herausgeber: »Pane Oskare Kuh, pozor! [Herr
Oskar Kuh, geben Sie acht!]«132
Der verwahrt sich in einer Replik gegen die Unterstellung der »Ná-
rodní politika«, erst der Wahlsieg Hindenburgs habe ihm den Kamm
schwellen lassen, und wischt die Drohung der »tschechischen Hetz-
notiz« ungerührt vom Tisch: »Indes was ihre Drohung anbelangt, so
sagen wir: to nás netuži – das berührt uns nicht.«133
Auswuchs der gehässigen »Konzipistenbureaukratie von der 11. Rangs-
klasse abwärts«: Im Juli 1925 wird Adalbert Graf Sternberg, »das Enfant
terrible auf der parlamentarischen Bühne Altösterreichs«,134 wegen Be-
leidigung der Republik oder, wie es im amtlichen Kommuniqué heißt,
weil er sich »über die gegenwärtige österreichische Staatsform, über die
Regierung und über die öffentlichen Einrichtungen Österreichs in nicht
wiederzugebenden Ausdrücken in einer Weise geäußert [hat], die sich
kein Staat von einem Ausländer bieten lassen kann«,135 ein drittes Mal
des Landes verwiesen. Etwas konkretere Angaben zum Ton, den Stern-
berg bei einer Versammlung der »Kaisertreuen Volkspartei« im Gast-
haus »Zum grünen Baum« am 25. Juni angeschlagen hat, finden sich in
den Kalendernotizen des Polizeipräsidenten Johann Schober unter dem
26. Juni: »Jockey-Club
– ein Dutzend Warme! / Unter diesen Verhält-
nissen kann von keinem Rechtsstaat die Rede sein, sondern man muß
sagen, daß dieser Sau-Staat von organisierten Schweinehunden regiert
wird und jedwedes Recht verlorengegangen ist.«136
Tschechoslowakischer Staatsbürger, ist Sternberg behördlicherseits
in Wien nur der »probeweise Aufenthalt gegen jederzeitigen Widerruf«
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien