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In einem Gefühl »unterirdischen Corpsgeistes« –
Bewerbung bei Maximilian Harden
Ein einziges Mal schickt Anton Kuh, der’s ansonsten nicht nötig hat, mit
seinen Texten zu antichambrieren, ein »Bewerbungsschreiben« ab. Der
Adressat: Maximilian Harden.
Harden hatte ab 1. Oktober 1892 »Die Zukunft« herausgegeben, eine
politische Wochenschrift, die sich als Forum angesehener Literaten
und Künstler, Wissenschaftler und Politiker rasch europaweites Re-
nommee erarbeitete, ehe er sie als seine private Tribüne betrieb, die er
als Korrektiv der politischen Praxis betrachtete.1 Seine Pamphlete gegen
die wilhelminische Hofkamarilla, mit denen er sich wiederholt Beschlag-
nahmen, Prozesse wegen Majestätsbeleidigung und Verurteilungen zu
mehrmonatiger Festungshaft einhandelte, trugen zur Popularität der
»Zukunft« in oppositionellen Kreisen bei.
Im Kampf gegen das persönliche Regiment Wilhelms II. und die
Klüngel um dessen Berater Fürst Philipp zu Eulenburg und Kuno Graf
Moltke, deren Einfluß auf Wilhelm II. Harden für die säbelrasselnde
Außenpolitik des Reichs verantwortlich machte, schreckte Harden, be-
stens mit Informationen aus dem innersten Hofkreis versorgt, vor keiner
Indiskretion zurück. Um die Kamarilla aus ihren Hofämtern zu drän-
gen, lancierte er Informationen über die Homosexualität Eulenburgs
und andere Männerfreundschaften am Hof, woraufhin Moltke und
Eulenburg vom Kaiser unehrenhaft entlassen wurden.
Karl Kraus hatte nach dieser aufsehenerregenden Affäre mit seinem
Mentor gebrochen, weil Harden sich in der Auseinandersetzung mit
Eulenburg nicht scheute, die »Argumente des Muckers«2 ins Treffen zu
führen, das heißt, unter dem Vorwand der Wahrung öffentlicher Inter-
essen intime Details aus dem Privatleben seiner politischen Gegner
publik zu machen. Kraus beharrte auf der Trennung von öffentlicher und
privater Sphäre als unhintergehbarem Prinzip.3 Er trat für die Straf-
freiheit homosexuellen Verkehrs ein, eben auch, um die soziale Äch-
tung und die Erpreßbarkeit in der Öffentlichkeit stehender Personen, die
mit einer unterlassenen Strafanzeige ins Werk gesetzt werden konnte,
ein für allemal auszuschließen.
Kraus statuierte an Harden ein Exempel dafür, daß ihm Stil ein »Maß-
stab ethischer Werte«4 war, seiner Überzeugung gemäß, wonach Stil und
Gesinnung nicht reinlich zu scheiden seien, sondern eine verhunzte
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien