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Von 1917 an sah er ihn besser (weil tiefer); da wußte er: es ist der Typus
des Lebens- und Sinnesfeindes, des phrasengeharnischten Knaben, des
chronisch Unerwachsenen. Er machte linkskehrt, weil die Zeit und
seine Erfahrung dasselbe gemacht hatten.«13
Kuh sah ihm, dem »Mutigen«14, dem Verfemten, auf Proskriptions-
listen ganz oben Stehenden, dem Andersmeinenden, der es wagte, »gegen
den breiten Strom der Lüge zu schwimmen«15, auch Eitelkeiten wie
Schminke und Schnürbrust, die Chrysantheme im Knopfloch und die
weißen Glacéhandschuhe nach. Er sah dem hypnotisierenden Redner,
der unerbittlich war in seiner Kritik der deutschen Zustände, der klar-
sichtig darauf drang, daß Deutschlands Weg nur nach Europa führen
könne, theatralische Posen und primadonnenhaftes Gebaren nach.
Parteilos, mit ausgesprochener Abneigung gegen den Liberalismus
und starker Sympathie für das preußische Junkertum, hatte Harden sich
im Ersten Weltkrieg vom Kriegstreiber und Annexionisten zum Pazifi-
sten und Verständigungspolitiker gewandelt, der nicht nur den Versailler
Vertrag guthieß, sondern Deutschland auch maßgebliche Kriegsschuld
zuwies
– und sich damit den Haß der Nationalisten zuzog. Neun Tage
nach dem tödlichen Bomben- und Schußattentat auf Reichsaußenmini-
ster Walther Rathenau, am 3. Juli 1922, versuchte die rechtsextreme
Terror- und Femeorganisation »Consul« auch dessen ehemaligen
Freund Maximilian Harden zu ermorden. Der Oberleutnant a. D. Wal-
ter Ankermann knüppelte Harden mit einem Totschläger nieder und
drosch dann auf dessen Schädel ein.16
Nicht erst der Anschlag, den Harden zwar knapp überlebte, von dem
er sich aber nie mehr erholte, ließen ihn im Herbst 1922 die »Zukunft«
einstellen. Deren Auflage war mit dem Verblassen von Hardens Stern
längst eingebrochen. Die »Weltbühne« und das »Tage-Buch« hatten
die Nachfolge übernommen, ohne je ihren Einfluß zu erreichen.
Robert Breuer rechnete Harden dem »Bestand des wilhelminischen
Barock« zu, der »ohne den Hintergrund des dekorativen Dilettanten auf
dem Throne Bismarcks« nicht vorstellbar gewesen sei – und mit Wil-
helm II. sei auch sein »giftiger Chroniqueur« von der Bühne gefegt
worden.17 Mit der »Zukunft« habe er zwar das Archiv der Epoche
hinterlassen, die Zeitschrift aber nicht in die neue Zeit hinüberretten
können. Das Gewissen der Republik zu spielen, deren Protagonisten er
mit Schmähungen überzog, war Harden versagt geblieben. In der Kaiser-
zeit eine »öffentliche Person« wie wenige neben ihm, hatte er sich in
einer ihm fremd gewordenen Zeit ins politische Abseits manövriert.
1925 trug sich Harden mit dem Gedanken, die »Zukunft« neu zu
lancieren. Im Frühjahr 1926 nahmen seine Pläne, angespornt vom
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien