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Revue des ›Admiralstheaters‹ wird bei Besprechung des Sketchs die
›Verdeutschung des Herrn Anton Kuh aus Wien‹ festgestellt. Da diese
Hervorhebung bei Unbeteiligten die Meinung erregen könnte, als ob
mein Geschmack, mein Urteil oder mein literarisches Talent zur Aus-
wahl und Qualität dieses Sketchs in einer Beziehung ständen, bitte ich
Sie, loyalerweise folgendes mitzuteilen: / Der gleiche Sketch diente in
Paris, wo er um nichts besser war oder wirkte, bloß den Coupletvorträ-
gen des berĂĽhmten Komikers Dranem und den Tanzdarbietungen seiner
Partnerin Suzette O’Nil zum Gerüst. An seine nackte Wiedergabe
hätte dort niemand gedacht. Ich hatte ihn weder auszuwählen noch zu
bearbeiten, sondern war lediglich mit seiner Übertragung beauftragt.«38
Einhelliges Lob hingegen, als Kuh kurz darauf, am 18. Mai, ab
20.30 Uhr in der »Berliner Funkstunde« zwanzig Minuten lang über
Peter Altenberg improvisiert und er den »Afrikaforscher der Alltäg-
lichkeit«39 gegen die Zumutung in Schutz nimmt, er sei der »Chef-
Chemiker« der »Duftei des Donau-Feuilletonismus« und Ahnherr des
gern als »Wiener Note« bezeichneten »Subtilitätengeflunker[s] und Ge-
dankenpunktgetüftel[s]«. Kuh stellt ihn seinem Berliner Hör-Publikum
vielmehr als »Genie des Lebens«, als »Falstaff und Diogenes in der
Verfleischlichung eines Wiener Nachtlokalgastes von 1914« vor.40
Reichlich Erholung von den Berliner Kalamitäten bietet der Sommer
1927: ein Aufenthalt in Genia Schwarzwalds »Künstler-Konklave«41
am Grundlsee, ein Urlaub an der Ostsee mit Magda Sonja und Friedrich
Fehér, der dazu genutzt wird, das Drehbuch zu »Maria Stuart« zu er-
arbeiten,42 und Ende August auch noch, wie so oft, eine Sommerfrische
in Bad Ischl.43
Auf einem Abstecher zu den Salzburger Festspielen lernt Kuh am
16. August bei einem Mittagessen im »Österreichischen Hof«Â
– mit am
Tisch: Grete Kainz, Witwe nach Josef Kainz, die Burgschauspielerin
Lili Marberg und ihr Gatte, der Innenarchitekt Karl Hans Jaray, der
»Simplicissimus«-Redakteur Hermann Sinsheimer und Tilly Wede-
kindÂ
– Kadidja kennen, Tochter von Tilly und Frank Wedekind. Schon
hier, in großer Gesellschaft, und erst recht beim Fife o’clock tea und dann
beim Abendessen in einem Salzburger Bierkeller nimmt er die frĂĽhreife
Sechzehnjährige völlig in Beschlag, hält ihr »Vorträge über [ihr] Aus-
sehen und [ihren] Charakter«, überschüttet sie »mit einem Schwall
verworrener Worte, quält [sie] mit ganz absurden Bitten und Vor-
schlägen«, wird schließlich »sentimental und behauptet, daß er wahn-
sinnig in [sie] verliebt sei«, und schenkt ihr zu guter Letzt auch noch,
gleichsam als Beglaubigung, sein Monokel. »Aber, was will er von
mir? – – – – – ???«, notiert sie irritiert in ihr Tagebuch.
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter SchĂĽbler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien