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(Döblin) zu adressieren, wodurch die Schriftsteller im Rundfunk ge-
zwungen seien, »mündlich zu sprechen und sprechen zu lassen, und
sich auf den lebenden einfachen Menschen der Straße und des Landes
einzustellen.«12
Bronnen sah das anders. In seinem Kurzreferat zum Thema Hörspiel
pöbelte er am zweiten Tag »die Literaten« unverblümt im Nazi-Jargon
an. In vehementer Abgrenzung zu seinem Vorredner, dem Leiter der
Hörspielabteilung der »Berliner Funkstunde«, Alfred Braun, der die
anwesenden Schriftsteller nachdrücklich eingeladen hatte, ihren Part
bei der Entwicklung radiokünstlerischer Formen zu übernehmen, ver-
wahrte er sich dagegen, den Rundfunk als »Versorgungsanstalt für aus-
gediente Literaten«13 zu mißbrauchen, zog gegen eine »schamlose Zunft
verantwortungsloser, dem eigenen Volke entfremdeter, keiner Rasse,
keiner Landschaft verhafteter Literaten« vom Leder. Während Döblin
zufolge Literatur im Radio den »lebenden einfachen Menschen« anzu-
sprechen habe, adressierte das neue Medium Bronnen zufolge – völ-
kisch-kollektivistisch
– die »Nation«, war letzterem der Rundfunk ein
Vehikel, das einerseits die Bedürfnisse der Massen zu erfüllen habe, die
Massen aber andererseits zur Nation forme.
Gegen Demagogie und Massenbeeinflussung setzten etwa Bertolt
Brecht und Walter Benjamin auf den Rundfunk als Medium politischer
Aufklärung und revolutionärer Veränderungen sozialer Verhältnisse,
indem man ihn von einem »Distributionsapparat in einen Kommuni-
kationsapparat« verwandelt14 und indem man den Hörer aktiviert und
als Produzenten wiedereinsetzt.15 Ähnlich wie Bert Brecht in seinen
Radio-Lehrstücken erprobte auch Walter Benjamin »unliterarische,
stofflich und sachlich bestimmte Hörspiele« und »Hörmodelle« als
Gegenmodell zum »literarischen Hörspiel mit seiner fragwürdigen Hör-
kulisse«16, die es den Hörern nicht erlaubten, sich gegenüber dem
Rundfunk in eine passive Konsumentenhaltung zu bequemen
– die aller-
dings frommer Wunsch und Episode blieben.
Die Überlegungen der Literaten und Radiomacher, die in Kassel
zusammentrafen, kreisten darum, welche Stellung die gesprochene Spra-
che und die Stimme im neuen Medium haben sollten. Denn, so Hans
Flesch, es sei das »eigenste Wesen« des Funks, »als Träger des Gedan-
kens nicht den Buchstaben, sondern die [vom Mitteilungszwang eman-
zipierte] menschliche Stimme zu benutzen«.17 Man war sich darüber
einig, daß »Erfahrungen von Theater und Rednerbühne« nicht weiter-
halfen, daß Vortragstechniken wie Rezitieren und Deklamieren dem
neuen Medium nicht angemessen waren. Jeder theatralische Ton mußte
unter dem »Vergrößerungsglas« des Mikrophons deplaciert wirken, die
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien