Page - 291 - in Anton Kuh - Biographie
Image of the Page - 291 -
Text of the Page - 291 -
291
dentaten. / Hochachtungsvollst / Ein Leser Ihres Blattes.«125 »Das
Reibeisen« – immerhin – schwingt sich zu einem »Ochs« auf.126
»Polizeiwidrig überfüllt«127 ist der Große Saal der Urania, als Kuh
am Donnerstag in Prag zum selben Thema spricht. Obwohl er,
wie schon in Wien, »indisponiert«, soll heißen heiser ist, ge-
lingt es ihm, die versammelten Bourgeois im blitzenden Spiegel
seines Witzes das scharf konturierte Bild bürgerlicher Moral-
heuchelei erkennen zu lassen – das »Lachen des Publikums
war nicht immer ein befreiendes, sondern eher Ausdruck einer
Flucht vor sich selbst in diesen Fragen«128, hält der Rezensent des »So-
zialdemokrat« schadenfreudig fest.
Mitte Juli 1930 Urlaub, wie so viele »Prominente« von Bühne und
Film, in Westerland,129 Ende Juli in Bad Ischl
– in Begleitung von »Mina
Lindblad-Kuh, Schauspielerin«, so die »Kurliste«.130 Eine Anton-Kuh-
auf-Sommerfrische-Impression von Ludwig Ullmann: Ȇber dampfen-
dem Rasen, gesprächsfiebrig, widerspruchshungrig naht, den Gegner
im Monokelblickfeld, Anton Kuh. Einem eben Einteilenden ruft er
hastig, aber gründlich nach: ›Ich lasse X. provisorisch grüßen.‹ Dann
entert er mit einem pfeilgeschwind sitzenden Aphorisma. Intellektuelle
Esplanade? Aber man schlürft entzückt den Ozon dieses schnittschar-
fen, weißgluthellen, respektlos-demütigen, mehr als kritischen Ver-
standes, der das Ballspiel der Behauptungen um seiner selbst willen, um
des Schwunges, des Sports und der Straffheit erfinderisch rauflustigen
Geistes willen treibend, gleichwohl gegen niemand mißtrauischer ist als
gegen sich selbst. Ein funkelnd Spiel und Widerspiel von Einfällen und
Hemmungen: ›Ein Wasserfall an Gescheitheit‹, sagt eine kluge Frau. Auf
den Ruhebänken emeritierter Disponenten tobt, entfesselt sprühend,
seine Leidenschaft des Zweifels, die Selbstqual seiner Ranküne strahlt
seine kristallklare Bitterkeit. / Ein Eichenzweig, treudeutsch, schwingt
nieder. Kuh schnuppert ins Kleefeld und versetzt es mit gezücktem
Zeigefinger: ›Tempo? In Berlin sind es die ausgewanderten Wiener Jour-
nalisten zweiter Garnitur, die es machen müssen, das Tempo. Das heißt:
die Brünner reden den Berlinern ein, daß sie New Yorker sind …‹ /
Schwupp, haschend nach unsichtbaren Schmetterlingen seiner souve-
ränen Laune, schließt er melancholisch: ›Übrigens bin ich ein Marquis
Posa, der zum Philipp nix mehr vorgelassen wird!‹«131
Im August berichtet Kuh für die »Süddeutsche Sonntagspost« von
den Salzburger Festspielen: getragen über die Andächtigkeit, die die
Kunstfeste im »kleinen Eisenbahnzwickel: Bayreuth–Oberammergau–
Salzburg« den »Dollarinhabern« aus Übersee abnötigen;132 hymnisch
über den blauen Rauch, der während der vier Wochen, da Salzburg das
Prag,
Urania,
Großer Saal,
6.3.1930,
20 Uhr:
Sachlichkeit in
der Erotik
back to the
book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien