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294 A. E. I. O. U.? – L. M. I. A.! –
»Der unsterbliche Österreicher«
Wenn zwei Schiffe – harmlose Handelsschiffe – der ehemaligen k. k.
Flotille 1931 noch Wellen schlagen, kann es damit
– da sie zudem quasi
auf dem Trockendock liegen, konkret: auf den Arsch eines alten See-
bären tätowiert sind
– keine nautische oder politische Bewandtnis haben,
sondern nur eine Angelegenheit des »guten Geschmacks« sein. Die Epi-
sode um diesen »letzten k. k. See-Patrioten«, dem auf dem Nachhause-
weg von einem Grinzinger Heurigen, im Stützriemen der Straßenbahn
hängend, sein fachmännisches Gewissen befiehlt, die Hose runterzu-
lassen1
– damit gleichsam ein »Denkmal von Österreichs Seeruhm und
-größe – aere perennius!« –, eins von fünfzig Kabinettstücken in
Anton Kuhs Ende 1930 erschienener Textsammlung »Der unsterbliche
Österreicher«2, sorgt wenn schon nicht für rauhe See, so doch für
rauhe Töne im Feuilleton.
»Österreicher gegen Österreich« ist eine Rezension im »Pester Lloyd«
vom 8. Januar 1931 überschrieben, und sie ist harsch: Derlei Spott und
Hohn könne nur der Feder eines jener Wiener Literaten entflossen sein,
die, ihrer Heimat entflohen und im Deutschen Reich, in Berlin zumeist,
seßhaft geworden, sich nicht genug daran tun können, ihr Vaterland in
schneidigem Ton zu verunglimpfen, »offenbar in dem Glauben, daß eine
Verunglimpfung des Wieners in Berlin gefällt und die Anschlußidee
durch schnoddriges Überdieachselansehen eine vorläufige Erledigung
finden kann«. So habe nun auch Kuh »einige seiner Feuilletons, zu einem
nicht immer duftigen Strauß gebunden, seinen Landsleuten an den Kopf
geworfen«, darunter »überaus rüde Ausfälle gegen Österreich, und was
weit trauriger ist, gegen den guten Geschmack«. Umso bedauerlicher,
da ein Könner wie Kuh es doch nicht nötig habe, »sein Vaterland [zu]
verulken«, »das eigene Nest [zu] verunreinigen« und »Betrunkene in
der gemeinsten Weise grölen und schimpfen [zu] lassen«.3
Zweieinhalb Wochen darauf verwahrt sich Kuh in einer Zuschrift an
den »Pester Lloyd« vehement gegen die Unterstellung, er habe den
bösen Buben gespielt, der »dem Berliner Literaturvolk zuliebe aus der
Ferne seine Heimat lächerlich« mache. Im Gegenteil: Kein Typus sei
ihm so zuwider »wie der Mimikry-Berliner aus Österreich«. Hundert
Intimfeindschaften verdanke er nichts anderem als dieser Abneigung.
Als wahrscheinlich einziger unter den zahlreich nach Berlin ausgewan-
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien