Page - 300 - in Anton Kuh - Biographie
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in Hymnen und Exzessen schwelgenden Buch, dem Deutschen zum
ersten Male die Augen über dieses sonderbare Land und den noch
sonderbareren Menschenschlag, der es bewohnt, zu öffnen. Man ver-
steht plötzlich vieles, was man ehedem nicht verstand, man wird in eine
Geheimlehre eingeführt und man erfährt, daß der beste Besitzstand des
deutschen Volkes der österreichische Mensch ist. So beweist Kuh als
erster unter seinen schreibenden Landsleuten die Gabe, einen sozusagen
provinziellen Stoff so anzupacken, daß er zu einer europäischen Sache
wird. Und zu einer weltliterarischen.«48 Die Initialen »H. G.« stehen
für Heinz Grohmann, und das wiederum ist eines der zahlreichen
Pseudonyme von – Anton Kuh.
Im Vorwort zum »Unsterblichen Österreicher« witzelt er über sei-
nen Entschluß, das Publikum glauben zu machen, die nun in Buchform
erscheinenden Aufsätze – die Erstveröffentlichungen liegen zum Teil
mehr als zehn Jahre zurück – seien »von jeher eine geistige Ein-
heit gewesen«. Tatsächlich mutet Ende 1930 der Titel spekulativ an,
»das Österreichische« hat Konjunktur. So sehr, daß ein Graf Saurau
in Lernet-Holenias »Österreichischer Komödie« auf die Bemerkung
eines Jagdgasts hin: »[I]hr typischen Österreicher seids doch das ein-
zige Kulturvolk«, enerviert aufseufzt: »Aber, bitt dich, laß mich aus,
das mit euerm ewigen Österreich ist schon die pure Erfindung! Was
denn für Österreicher? Früher hat das bei uns überhaupt kein besserer
Mensch affichiert, und seitdem alles schiefgeht, ist plötzlich ein jeder
ein Österreicher. –«49
»Seitdem alles schiefgeht«
… In Kuhs Worten: »Nach Abwanderung
der anderen Staaten aus dem Stammlokal ›Großösterreich‹ [war] Öster-
reich […] am Marsch. (Phonetisch zu lesen.)«50 Mit November 1918
war Österreich ein Kleinstaat, an dessen wirtschaftliche und politische
Überlebensfähigkeit kaum jemand glauben wollte. Der Anschluß an
Deutschland, den die Provisorische Nationalversammlung am 12. No-
vember 1918 beschlossen hatte, war zwar durch das Veto der Alliierten
im Friedensvertrag von Saint Germain offiziell vom Tisch, aus der
öffentlichen Diskussion war er jedoch nicht zu verbannen.
Als das Thema Anfang der dreißiger Jahre wieder einmal hochkochte,
waren sich allerdings die beiden Stämme, deren Vereinigung noch gut
zehn Jahre davor nationales Familienglück verheißen hatte, nicht mehr
grün. Denn »das Österreichische«, das sich dem »Reichsdeutschen«
nicht eingemeinden durfte, hatte gerade in der Abgrenzung gegen den
»großen Bruder« Kontur gewonnen, um nicht zu sagen: Kante. Das
jahrhundertealte Erbe geduldig ertragener Nachbarschaft war spätestens
mit dem akribisch ausgetüftelten Klischeeschema »Preuße und Öster-
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien