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an Grundsätzliches rührt. Er stellt klar, daß »ihm nihil humanum noch
weniger alienum als allen Schreibern vom Brecht-Bronnen-Schlage«, um
ein für allemal den Verdacht auszuräumen, sein Protest gegen »neu-
modischen Literatur-Unfug« entspringe sittlicher Entrüstung.10 »Nicht
namens der beleidigten Kunstform
– also von der äußersten Rechten
–,
sondern vom Standpunkt der beleidigten Wirklichkeit wird hier das
Wort ergriffen, nicht zum Schutz der Kunst, sondern zum Schutz
des Lebens. Und was daran nach einer Umschreibung des Ausdrucks
klingt: ›Das ist zu stark!‹
– das bedeutet ein im Wahrheitssinn gemein-
tes: ›Das ist zu schwach!‹ Warum diese zeremonielle Verwahrung?«
Weil Autoren vom Schlage Bronnens ihre Kraßheit strategisch einsetz-
ten zur Immunisierung vor Kritik. Sofort würde der Vorwurf laut, sie
seien verzopfte, zimperliche Mucker und Reaktionäre. Hier liege der
Schwach punkt der Kerle, die »mit Wickelgamaschen in die deutsche
Literatur der Gegenwart einmarschiert sind«: »Die Kühnheiten, die ihre
Blößen decken, sind ihre eigentlichen Blößen. / Denn sie zeigen besser
als alles andere, wo sich Papier für Fleisch und Renommisterei für
Wahrheit gibt! / Und hier muß ich meinen Einspruch erheben: namens
der geschändeten Schändungen und vergewaltigten Vergewaltigungen
nämlich gegen die herostratische Knabenphantasie, die mit ihnen solchen
Mißbrauch treibt. / Wie verletzend unwahr, wie aufreizend unerlebt
sind doch diese Gewagtheiten – Kraftrenommagen, in denen ein Abc-
Schütz der Liebe wühlt. / Es gibt eine besondere Obszönität: die Un-
sachlichkeit. Und es gibt eine besondere Schamverletzung: das Kind
beim richtigen Namen zu nennen, das man noch gar nicht kennt und
gesehen hat. Die beiden Sünden der Bronnengattung!«11
Vier Jahre später setzt Kuh auf Kurt Tucholskys empörten Verriß des
Oberschlesien-Romans »O. S.«12 (1929), dieser distanzlosen Schilderung
der blutrünstigen Exzesse des marodierenden Feikorps-Gesindels, dieser
Männerphantasie aus »Blut, Vagina und Nationalflagge«13, noch eins
drauf, er wundert sich nur, daß Tucholsky, wie viele andere auch, in der
salonfaschistischen »Pfuscherei« des Konjunkturritters ein neues Ge-
sicht Bronnens erkannt haben will. Es sei ganz das alte: »Der exzessive,
der neutönerische, der radikale Bronnen, war er ein anderer? […] War
nicht schon Jung-Sexual-Bronnen ein Renommist? Trug Eros bei ihm
nicht Wickelgamaschen? Und war dieses Stürmer- und Drängertum
nicht bereits das umgestülpte Futter des Hakenkreuzlers? Nein, dieser
Kopf hat sich nicht verändert; der Stahlhelm war seine vorbestimmte
Zier.«14
Und Bronnens Renegatentum sei in einem Drama seines
– jüdischen
–
Vaters, aufgeführt, als Bronnen noch Bronner geheißen habe und Arnolt
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien