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Anton Kuh - Biographie
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323 Betrachtungen und Aperçus der Kabarettconférenciers, einer rechnet einem berühmten Dichter juxig die Interpunktionen nach, der andere gießt sein politisches Harz aus, der dritte macht in hoher Wissenschaft, einer streichelt dem andern den Buckel, zupft den andern am Promi- nenzbärtchen, ›Willy Schäffers hat gesagt  …‹, ›Paul Nikolaus kommt einmal  …‹ und wieder Nikolaus und noch einmal Schäffers  – ach, es geht verteufelt lustig in den Druckspalten zu, grad wie in einem Kur- fürstendammlokal. Ist das für einen normalen Magen noch auszuhalten? Finden die Zeitungen, die diesem Unfug huldigen, sich noch berechtigt, sich auf den heiligen demokratischen Geist des Ernstes und der Bildung zu berufen? Oder soll es die neue Feschheit sein, made in Robitschek, farbiger Jokus, um die Sorgen zu verscheuchen? Es gibt freilich Men- schen, die behaupten, der losgelassene Conférencier sei nur eine Er- scheinung des losgelassenen Journalismus und es repräsentiere sich in jenem gerade so viel Geist und Bildung, als der neuen Zeitungsgenera- tion  – Fleisch vom selben Fleisch  – gerade noch verständlich und er- reichbar sei. Im Zeitalter der Pointe mag eine solche Blüte des Pointen- jägers begreiflich scheinen. Aber was soll sich nun, frage ich, ein etwa noch hinterbliebener Humanist aus Heidelberg, ein Europäer aus Re- gensburg, dem man die Abneigung gegen Berlin auszureden suchte und begreiflich machen wollte, daß diese Stadt nicht bloß aus Kabarett- scherzen und Musikcafés, sondern aus tiefen, ernst gehüteten Kultur- werten besteht, denken, wenn das erstbeste Blatt, das er aufschlägt, ihn anjuxt und anschmust wie eine Druckpapier gewordene Lichtreklame von der Gedächtniskirche, wenn er sieht, daß der Präzeptor spiritus hier der Conférencier ist und daß dessen Händen neuerdings sogar der politische Wortschatz anvertraut wurde?«41 Zu ernsten diplomatischen Kalamitäten droht sich im Frühjahr 1931 eine Stichelei aus Wien gegen Berlin auszuwachsen. Wegen eines Bild- texts im Wiener »Abend«: »Völkerschau im Berliner Zoo. Negerinnen vom Stamm der Sara Kaba, die große Holzteller in Ober- und Unter- lippe tragen. Bei diesen Negern ist die Menschenfresserei noch nicht ausgerottet.  – Wer je in Berlin gegessen hat, wird das nicht unbegreiflich finden«,42 wird das Blatt aus Berlin grob angeblasen.43 Zwei Wochen darauf versucht der »Abend« die Wogen zu glätten: Die »launige Unter- schrift […], die der bei uns vielverbreiteten Ansicht entsprach, das Essen in Berlin (und einiger Umgebung) wäre nicht gerade herzerhebend«, sei bloß »so etwas wie eine lose familiäre Äußerung über liebe nächste Anverwandte« gewesen. Nachdem schon »eine Damenstimme von norddeutscher Sprachfärbung« telephonisch »in der denkbar höchsten Stimmlage« Protest eingelegt habe  – »Das Essen in Berlin, rief sie, sei
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Anton Kuh Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Anton Kuh
Subtitle
Biographie
Author
Walter SchĂĽbler
Publisher
Wallstein Verlag
Location
Göttingen
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-8353-3189-1
Size
13.8 x 22.2 cm
Pages
576
Category
Biographien
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