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ihren Ausdruck
– darunter die von 1922 bis 1935 in sechzehn Auflagen
erschienene »Rassenkunde des deutschen Volkes«, eine »Porträtgalerie«,
die den Adel der nordischen Rasse beschwor,15 sowie 1930 auch eine
»Rassenkunde des jüdischen Volkes«.16 Der Popularisierung der neuen
Parawissenschaft »Rassenkunde« war durch die weitverbreiteten Kennt-
nisse für den physiognomischen Hausgebrauch der Weg bereitet.
Ebenfalls 1929 erschien »Deutschland, Deutschland über alles« von
Kurt Tucholsky und John Heartfield, eine Art satirische »Nationale
Porträtgalerie« von links, die indessen aus dem zum Allgemeingut ge-
wordenen physiognomischen Fundus an Vorurteilen schöpfte – wenn
auch in der Absicht, den »deutschen Charakterkopf« gründlich zu des-
avouieren. Da hatte das Projekt der »Nationalen Porträtgalerie« bereits
eine »biologische Version in der Gestalt der ›Sippenforschung‹ erhal-
ten«,17 die geradewegs in Unternehmungen der physischen Auslese
mündeten: einerseits zur Elitenzüchtung in Einrichtungen wie »Lebens-
born e. V.« und die »Stiftung Ahnenerbe«, andererseits zur Ausmerzung
des »Untermenschentums«.
Wohin der Weg führen würde, zum Erkennen von Unterschieden
zwischen sogenannten »arischen« und »nichtarischen« Menschen näm-
lich, hatte Walter Benjamin in seinen Betrachtungen zu einem ersten
Auszug von August Sanders großangelegter photographischer Doku-
mentation der Deutschen unter dem Titel »Antlitz der Zeit. Sechzig
Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts« (1929), klar-
sichtig diagnostiziert: Er hat ihr in seiner »Kleinen Geschichte der
Photographie« 1931, das Unheil ahnend, attestiert, ihr könnte über
Nacht »eine unvermutete Aktualität zuwachsen«: »Machtverschiebun-
gen, wie sie bei uns fällig geworden sind, pflegen die Ausbildung,
Schärfung der physiognomischen Auffassung zur vitalen Notwendig-
keit werden zu lassen. Man mag von rechts kommen oder von links –
man wird sich daran gewöhnen müssen, darauf angesehen zu werden,
woher man kommt. Man wird es, seinerseits, den andern anzusehen
haben. Sanders Werk ist mehr als ein Bildbuch: ein Übungsatlas.«18
Anton Kuh ist bekennender Physiognomiker. Das zu erweisen,
bräuchte es den Nachweis der auffälligen Häufigkeit von »physiogno-
misch« und »Physiognomik« in seinem Werk nicht. »Eine Art von
Kultur- und Landschaftsphysiognomik«19 nennt er etwa seine Streifzüge
durch das hochsommerliche Wien des Jahres 1916; einem »physiogno-
mischem Verhör« unterzieht er 1918 als Gerichtssaalkiebitz den An-
geklagten in einem Mordprozeß, den er dazu beglückwünscht, daß die
Geschworenen nicht wissen, »wer Lavater war und was Physiognomik
ist«, er habe nämlich »ein veritables Verbrechergesicht«20; als obersten
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien