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Macht
– Geist, die Naivität und Dummheit des waffenscheuen Geistes
ausläßt; über die Politik-Verachtung jener allzu intellektuellen Epoche,
die dazu geführt hat, daß dieser nunmehr vogelfreie und verfemte Geist
sich in die ohnmächtige Satire flüchten muß und sich »mit solchem
Machiavellismus der Anspielung behelfen muß, wie ihn er selbst, der
bewährte Aphoristiker des Antiphilistertums, übt«35; oder über die
Herrschaft brutaler, geistloser Gewalt über eine entrechtete, sittlich
und geistig in ohnmächtige Lethargie verfallene Menschheit; ob er die
Sünde der Zeit anprangert: sich dem Ungeist anzupassen
– die Grund-
these seiner Ausführungen ist stets dieselbe: Geist, dem
nicht der Wille
zur Machtbewahrung innewohnt, ist Dummheit – aber deshalb ist
Dummheit, die sich eine Patronentasche umhängt, noch lange nicht
Geist. Kuh gibt sich indessen keinen Illusionen darüber hin, was mit
dem »Knüppel des gut zugepaßten, richtig hauenden Worts«36 gegen
die Knüppel in den Händen der Nazi-Horden auszurichten sei.
Anfang Juni ist Kuh in Paris, trifft dort mehrmals mit Harry Graf
Kessler zusammen, der aus einem spätabendlichen Gespräch mit Xavier
Marcu und Anton Kuh am 6. Juni in seinem Tagebuch festhält: »Marcu
hält einen durch die Nazis provozierten Krieg spätestens in zwei Jahren
für unvermeidlich. Sie würden ›nicht weiterkönnen‹ und dann lieber
einen Krieg machen als verzichten. Auf meinen Einwand, dass Deutsch-
land doch garnicht für einen Krieg gerüstet sei, erwiderte Marcu: er
halte Deutschland für das einzige Land in Europa, das moralisch auf
einen Krieg gerüstet sei, das einzige, das einen Krieg führen könne; was
nicht heisse, dass es ihn gewinnen könne. Kuh sagte, auch er sei dieser
Ansicht. Deutschland rieche ›morgig‹, Frankreich und die Tschecho-
slowakei durchaus gestrig; Deutschland sei 20tes Jahrhundert, Frankreich
neunzehntes. Ein Geruch von Fäulnis, von intellektueller Fäulnis, herr-
sche in Prag u. Paris. Deutschland mit seiner ungeistigen Brutalität
repräsentiere die neue Zeit. Den Nazis fehle nur ein ›Kopf‹, wenn sie
einen ›Kopf‹ fänden, könnten sie das übrige Europa besiegen.«
Ende Juni, Anfang Juli liefert er sich mit dem royalistischen Rechts-
intellektuellen Léon Daudet im Pariser Magazin »LU« resp. in der
»Action française« ein Scharmützel über die Indienstnahme Friedrich
Nietzsches durch die Nationalsozialisten, die den Philosophen des
»Übermenschentums« zu ihrem Hauspropheten gemacht und sich tax-
frei zu seinen geistigen Erben erklärt hatten (wie er ja auch schon im
Ersten Weltkrieg zum »Potsdam-Deutschen« verbogen worden war).
Kuh entgegnet Daudet, der in einem Leitartikel eine direkte Linie von
Nietzsche zu Hitler gezogen hatte,37 stellt dieses Mißverständnis als
Testamentsfälschung hin und klar, daß Adolf Hitler allenfalls ein fal-
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien