Page - 383 - in Anton Kuh - Biographie
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brüllenden Publikum […] das völlig hemmungslose Triebleben gefeiert«
habe, betätige sich nun in Paris »als ein geistiger und ein sittlicher
Vorkämpfer gegen das neue Deutschland«. Und verhöhne »die Be-
mühungen des deutschen Kanzlers um Friede und Verständigung zwi-
schen den europäischen Völkern«. Und so wird Rolf Reimer wankend
in seinem Glauben, daß man vom Namen auf den Charakter seines Trä-
gers schließen könne. Jedermann wisse schließlich, daß die Kuh ein
ebenso harmloses wie nützliches Geschöpf sei, woran schon das Sprich-
wort von der »Milch der frommen Denkungsart« erinnere. »Nehmen
wir aber z. B. den Herrn Anton Kuh, so haben wir ein Geschöpf vor
uns, das einen wesentlich anderen Charakter besitzt, als wir auf Grund
seines Namens schließen möchten. Schon daß er Jude ist, läßt ihn viel
weniger harmlos erscheinen, als das ihm namensgleiche milchspen-
dende Geschöpf. Auch hat er nie Milch gespendet, sondern nur Tinte
verspritzt. […] Ein zweiter Heine, der ja auch für das französische
Außenministerium seine Feder gegen Deutschland in Bewegung ge-
setzt hat.«44
Am 2. Dezember hält »Heine zwo« im Deutschen Klub in
der Rue du Rocher vor den »interessantesten Köpfen der Emi-
granten« und »bekannten Repräsentanten der französischen
Literatur«45 unter dem Titel »Die Metaphysik als Hausknecht«
einen Vortrag über das Deutschland von heute. Den Aufhän-
ger für seine Improvisation nennt der »Paris-soir« in einer
Ankündigung der Veranstaltung: »La sœur de Nietzsche offre
une canne à Hitler!«46
Am 2. November 1933 stattet Adolf Hitler auf seiner Wahlreise
durch Thüringen am späten Nachmittag dem Nietzsche-Archiv in
Weimar einen halbstündigen Besuch ab. Dabei macht ihm Elisabeth
Förster-Nietzsche nicht nur den silbernen Degenstock ihres Bruders,
eines der ihr liebsten Erinnerungsstücke, zum Geschenk, son-
dern auch ein Exemplar der von ihrem Ehemann Bernhard
Förster mitverfaßten und 1880 an Reichskanzler Otto von
Bismarck adressierten »Antisemitenpetition«, die, so die Ar-
chivleiterin, »bereits alle die Forderungen nationaler Kreise in
der Judenfrage enthält, die in neuerer Zeit vom Nationalsozia-
lismus erhoben und zum großen Teil verwirklicht worden
sind«.47 Eine Geste, die unschwer als »Staffelübergabe« ge-
meint ist. Der Aberwitz dieser Szene – Friedrich Nietzsches
Schwester überreicht Adolf Hitler »den Degenstock, der ihm sein
liebstes Vermächtnis war, gleichwie einen Marschallsstab«
– verschlägt
für einmal sogar Anton Kuh das Wort: »In den Händen des Kanzlers
Paris,
Deutscher Klub,
2.12.1933,
21 Uhr:
La métaphysique
au service des
domestiques
(Die Metaphysik
als Hausknecht)
Prag,
Städtische
Bücherei,
18.1.1934,
20 Uhr: Die
Metaphysik
als Hausknecht
oder Von
Demosthenes
zu Knieriem
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book Anton Kuh - Biographie"
Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien