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wer erbt sie dann logisch aus seinen Händen? … Die Totengräber! …
Zur Besetzungsfrage lieferte Kuh das Bonmot: jeder Dramenheld be-
komme mit der Zeit etwas von dem Darsteller, der ihn lange gespielt
hat; so habe Faust bereits etwas von Dr. Wüllner – Hamlet freilich
dafür von Josef Kainz. Bei diesem Wort entlud sich die lang aufgespei-
cherte Zustimmung des Saales zu Ausfälligkeiten gegen Dritte, die bis
dahin vergeblich erwartet worden waren.«7 – Auf Einladung des Ver-
eins für internationale Kulturarbeit »wiederholt« Kuh diesen Vortrag
am 26. November im Preßburger Gemiumsaal unter dem Titel »Ham-
let und Faust oder Das Genie und der Bürger«.
Nach dreijähriger Pause steht er mit »Shakespeare und die englische
Thronkrise« am 14. Dezember 1936 um acht Uhr abends im Saal der
Städtischen Bücherei auch wieder einmal vor einem Prager Publikum,
vor dem er sich über die »unbewußte Autorschaft« Shakespeares an der
Tragödie »Eduard VIII.« ausläßt. Daß er den Umständen des
Thronverzichts Eduards VIII. – als Oberhaupt der anglikani-
schen Kirche hätte der britische Souverän seine Geliebte, die
geschiedene Wallis Simpson, nicht heiraten können – nicht
trocken chronikal zu Leibe rücken würde, versteht sich. Viel-
mehr werde er »bei entsprechend guter Laune ein Bild des gan-
zen englischen Haus-, Hotel-, Ehe- und Gesellschaftslebens
bieten – von den Zeitungsinseraten angefangen bis zum Akt
der Thronentsagung«, kündigt er in einem Interview an. Es komme auf
sein Publikum an, wie produktiv er sich verlieren werde.8 Glaubt man
»České slovo«, gelingt ihm das über die Maßen: »Eigentlich wollte er
über Shakespeare und über die Thronkrise in England sprechen, be-
nötigte dazu jedoch Nestroy, Voltaire, Heine, Börne, Göring, Maurois,
die Bolschewiki, Byron, Shaw und mindestens noch drei Dutzend
weiterer Namen, um seinen Vortrag richtig breit anzugehen. […] Das
Verhältnis des Engländers zum Staat sei wie das Verhältnis des Aktio-
närs zur eigenen Gesellschaft, im Gegensatz zum Mitteleuropäer, des-
sen Verhältnis zum Staat wie das Verhältnis des geschlagenen Hundes
zu seinem Herrn sei.« »České slovo« weiter: »Großartig waren seine
Hiebe gegen den Rassismus: ›Der einzige Mensch, der über eine reine
oder unreine Rasse entscheiden kann‹, treibt Kuh mit dem Entsetzen
Scherz, ›ist der Masseur im Dampfbad.‹«9
Wieder vergeht beinah ein halbes Jahr ohne Nachricht, ehe Kuh
seinen Fuß auf kontinentalen Boden setzt: Dem von ihm als »geistige
Luftschutzübung«10 bezeichneten Vortrag »Was muß der Demokrat
vom Fascismus wissen? oder Wie überlebe ich das Jahr 1937«, spendet
seine Prager Gemeinde, die sich am 25. Mai 1937 trotz des frühsommer-
Prag,
Städtische
Bücherei,
14.12.1936,
20 Uhr:
Shakespeare
und die
englische
Thronkrise
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Anton Kuh
Biographie
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Anton Kuh
- Subtitle
- Biographie
- Author
- Walter Schübler
- Publisher
- Wallstein Verlag
- Location
- Göttingen
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8353-3189-1
- Size
- 13.8 x 22.2 cm
- Pages
- 576
- Category
- Biographien