Page - 113 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Vorzüge Billroths zu vereinen, die für die Uni-
versität am wesentlichsten waren. Es kombi-
niert den modernen, innovativen Chirurgen mit
dem engagierten Hochschullehrer und betont
zusätzlich auf subtile Weise durch die Hochre-
lief-Zeichnung Billroths künstlerische Meister-
schaft in seinem Beruf. Im Arkadenhof der Uni-
versität Wien ehrte man so den verdienstvollen
Professor mit einem Monument, das insbeson-
dere seine akademischen Errungenschaften und seine Verdienste für die Lehre hervorhebt. Aber
umgekehrt spiegelte dieses eindrucksvolle Denk-
mal Billroths Ruhm zurück auf die Institution,
an der er wirkte. Der Anblick der Denkmäler
für verdienstvolle Professoren im Arkadenhof
der Universität sollte den Besuchern einen Ein-
druck des hohen Rangs der Universität vermit-
teln und bei den Universitätsangehörigen den
Ehrgeiz fördern, diesen ausgezeichneten Vor-
gängern nachzufolgen.
das billroth-standbild von 1944/1949
Im dritten Denkmal, das hier genauer bespro-
chen werden soll, werden wiederum ganz andere
Eigenschaften Billroths in den Vordergrund ge-
rückt [Abb. 3 und 7]. Anlässlich des 50. Todesta-
ges des Chirurgen wurde das Standbild im Feb-
ruar 1944 feierlich im großen Hof des damaligen
Allgemeinen Wiener Krankenhauses enthüllt.
Zum Zeitpunkt der Enthüllung befand sich das
„Großdeutsche Reich“ unter dem Regime der Na-
tionalsozialisten im fünften Kriegsjahr, was sämt-
liche Ressourcen, auch im Allgemeinen Wiener
Krankenhaus, massiv verknappte.32 Daher weist
die bisherige Forschung zu dem Denkmal im-
mer darauf hin, dass das Werk zunächst nur in
Gips ausgeführt werden konnte und erst im April
1949 in Marmor errichtet wurde.33 Die Tatsache
selbst, dass während einer akuten Not an Heizma-
terial, Verbandsmaterial, Glasfenstern und einer
Vielzahl an anderen infrastrukturellen Ausstat-
tungen überhaupt ein Denkmal errichtet wurde,
wurde meines Erachtens bisher zu wenig hinter- fragt. Was versprachen sich die etablierten Kräfte
von einem Standbild des seit 50 Jahren verstorbe-
nen Chirurgen, das sie im Rahmen eines großen
Medizinerkongresses mitten im Krieg enthüllten?
Über die Planung des Denkmals sind nur
wenige Fakten bekannt, da bisher im Archiv des
Allgemeinen Krankenhauses keine diesbezügli-
chen Dokumente gefunden wurden. Bereits im
Jahr 1942 wurde der bereits im Austrofaschismus
erfolgreiche Bildhauer Michael Drobil mit der
Ausführung einer Statue beauftragt.34 Bemer-
kenswert ist, dass die Herstellung der Marmor-
statue nicht an den finanziellen Mitteln schei-
terte, sondern an der Tatsache, dass der Marmor
nicht lieferbar war.35 So wurde 1944 an Billroths
50. Todestag vorerst die in Gips modellierte Fas-
sung des Standbildes von dem Chirurgen und
späteren Rektor Wolfgang Denk enthüllt. Ein
Foto dieser Gipsfigur ist zeitgleich in der Me-
dizingeschichte des Chirurgen Leopold Schön-
bauer publiziert worden.36 Schönbauer war 1939
Medicus in effigie 113
32 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Direktionsakten des Allgemeinen Krankenhauses, M. Abt. 209 – AKH, B2 – Ak-
tenindex 1944.
33 B. Grois, Das Allgemeine Krankenhaus in Wien und seine Geschichte, Wien 1965, S. 204; R. Burgstaller/
H. Posch, Zeitgenössische Kunst und Geschichte im Alten Allgemeinen Krankenhaus. Eine Dialogführung durch
den Campus der Universität Wien, in: Update! Perspektiven der Zeitgeschichte (hrsg. von L. Erker et al.), Inns-
bruck/Wien/Bozen 2010, S. 749.
34 Der exakte Vorgang der Beauftragung konnte bisher nicht archivalisch belegt werden, weder die Akten der Medizi-
nischen Fakultät, des Senats noch des Allgemeinen Krankenhauses geben darüber Aufschluss.
35 Grois, Das Allgemeine Krankenhaus (zit. Anm. 33), S. 204.
36 Schönbauer, Das Medizinische Wien (zit. Anm. 27) (1944); L. Schönbauer, Das Medizinische Wien. Geschichte
– Werden – Würdigung (überarbeitete Fassung), Wien 1947.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken