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de auf der rechten Seite und den aufmerksamen
Blick zur linken Seite entsteht eine Spannung,
die den Eindruck vermittelt, dass Billroth sich
in der Bewegung nach links befindet, um einen
Schritt zu seiner nächsten Aufgabe zu machen.
Trotz der Betonung der Handbewegung scheint
dieses Denkmal nicht die medizinische Bedeu-
tung der Handdesinfektion zum Inhalt zu ha-
ben, sondern muss im Kontext seiner Errichtung
während des Zweiten Weltkriegs betrachtet wer-
den. Als personifizierte Parole wendet es sich
direkt an den durch den Haupteingang eintre-
tenden Kriegsarzt. Aber wodurch wurde Billroth
zur idealen Projektionsfläche der nationalsozia-
listischen Propaganda während des Krieges?
Die Medienberichte, die anlässlich des Kon-
gresses und der Denkmalsenthüllung veröffent-
licht wurden, bieten einen erhellenden Einblick
in die Wahrnehmung des bereits 50 Jahre zu-
vor verstorbenen Chirurgen während der NS-
Zeit. All diesen Pressestimmen ist gemein, dass
sie nicht auf Billroths politische Gesinnung oder
seine Rolle als Wegbereiter des Antisemitismus
eingehen, sondern ihn vorrangig als herausra-
genden Mediziner feiern. Seine antisemitische
Grundhaltung kann im Jahr 1942 keinesfalls als
Alleinstellungsmerkmal gegolten haben, viel-
mehr als Voraussetzung. Die weltanschauliche
Gleichgesinntheit wird a priori angenommen.
Das nationalsozialistische Propagandaorgan
widmete Billroth und dem Chirurgenkongress
einen reichsweiten Artikel und drei weitere in
der Wiener Ausgabe. Bereits am Samstag, dem
5. Februar 1944, berichtete Der Völkische Beob-
achter über die Eröffnung des Chirurgenkongres-
ses im Billrothhaus, wo eine Gedenkausstellung
für Billroth zu sehen war.41 Diese Ausstellung war von dem damaligen Direktor des Instituts
für Geschichte der Medizin an der Universität
Wien, dem aktiven NSDAP-Mitglied Fritz Le-
jeune, zusammengestellt worden. Besonders her-
vorgehoben wurde in dem Bericht, die außeror-
dentlich interessante „Bildersammlung Billroths
selbst, die er im Deutsch-Französischen Krieg
1870/71 angelegt hat. […] Stolz prangt vor seiner
Büste das Eiserne Kreuz, das er in diesem Feld-
zug erwarb.“42 Ideologisch abgerundet wurde die-
se Eröffnungsveranstaltung mit einem wehrme-
dizinischen Vortrag eines Geschwaderarztes. Am
6. Februar 1944 schrieb der genannte Fritz Le-
jeune in seiner Würdigung über Billroth als den
Fürsten der Chirurgie, „der die neuzeitliche Chi-
rurgie zu kaum begreiflicher Höhe, ja sozusagen
zur Vollendung“ führte.43 Im Weiteren begnügte
sich der Medizinhistoriker mit einer jubelnden
Nacherzählung der wichtigsten Lebens- und Kar-
riereabschnitte des verstorbenen Chirurgen. An
demselben Tag erschien zusätzlich in der Wiener
Ausgabe ein weiterer Bericht vom „Wiener Chir-
urgentag im Zeichen Billroths“.44 Zu der Tagung
im überfüllten Vortragssaal im Billrothhaus ka-
men auch hochrangige Gäste aus der politischen
Ebene, allen voran der Mediziner, Gauleiter und
Reichsstatthalter von „Niederdonau“ Hugo Jury
sowie der Gauamtsleiter für Volksgesundheit
Walter Ekhart. In den Vorträgen wurden wiede-
rum Billroths Errungenschaften gepriesen und
seine Bedeutung als „beispielhafter Sanitätsoffi-
zier“ und „Betreuer der Gemeinschaft und dies
umso mehr im Kriege“ betont.45 Am folgenden
Tag, Montag, den 7. Februar, informierte wie-
der der Völkische Beobachter von der feierlichen
Enthüllung des Billroth-Denkmals im Allgemei-
nen Krankenhaus.46 Die Prominenz dieser Ver-
Medicus in effigie 115
41 Völkischer Beobachter, Jg. 1944, Nr. 36, Wiener Ausgabe, Samstag, 5. Februar 1944, S. 5.
42 Ebd.
43 F. Lejeune, Zu seinem fünfzigsten Todestag. Theodor Billroth zum Gedächtnis, in: Völkischer Beobachter, Jg. 1944,
Nr. 37 (Sonntag, 6. Februar 1944), S. 3.
44 Völkischer Beobachter, Jg. 1944, Nr. 37, Wiener Ausgabe, Sonntag, 6. Februar 1944, S. 8.
45 Ebd.
46 Völkischer Beobachter, Jg. 1944, Nr. 38, Wiener Ausgabe, Montag, 7. Februar 1944, S. 6.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken