Page - 119 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Image of the Page - 119 -
Text of the Page - 119 -
DIE „AUSMERZUNG VON DENKMÄLERN“ IM
ARKADENHOF DER UNIVERSITÄT WIEN WÄHREND DER
NS-HERRSCHAFT
Thomas Maisel
Im November 1938, ziemlich genau acht
Mona-te
nach dem sogenannten „Anschluss“ und der
nationalsozialistischen Machtergreifung in Ös-
terreich, begann man an der Universität Wien,
Denkmäler jener Professoren, die als Juden oder
„jüdische Mischlinge“ betrachtet wurden, aus
dem Arkadenhof zu entfernen. Insgesamt wur-
den siebzehn Büsten und Reliefs abmontiert
und im Hauptgebäude der Universität eingela-
gert. Zu diesem Zeitpunkt waren das ca. sech-
zehn Prozent aller im Arkadenhof vorhandenen
Denkmäler.
In seinem Bericht an das Ministerium für in-
nere und kulturelle Angelegenheiten bezeichnete
der damalige Rektor Fritz Knoll diesen Vorgang
als Ausmerzung von Denkmälern.1 Die martiali-
sche Diktion, die hier zum Ausdruck kommt,
war nicht unbedingt typisch für jenen Mann,
der seit 1937 NSDAP-Mitglied war2, am 15.
März 1938 vom späteren Gauleiter Odilo Glo-
bocnik zum kommissarischen Rektor der Uni-
versität Wien bestellt wurde3 und unter dessen
tatkräftiger Führung die Selbstgleichschaltung
der Wiener Universität und die „Säuberung“ des Lehr
körpers erstaunlich effektiv und rasch
durchgeführt wurden. Sein offizieller, im Druck
erschienener Bericht über diese Ereignisse, vor-
getragen anlässlich der Amtsübergabe an den
neuen Rektor Eduard Pernkopf 1943, ist zwar
voll von zeittypischem deutschnationalen An-
schlusspathos und Worten von der großen Auf-
gabe, mit der sich Knoll konfrontiert sah, die
massenhafte Vertreibung von aus rassistischen
und politischen Motiven unliebsamen Professo-
ren und Dozenten erwähnte er jedoch fast nur
beiläufig: Der Lehrkörper der Wiener Universi-
tät wurde entsprechend der Verordnung über das
Berufsbeamtentum weiter von ungeeigneten Per-
sonen befreit.4 Die Entfernung von Denk mälern
erwähnte er mit keinem Wort, was auffällig er-
scheint, da der Arkadenhof mit seinen dort
jeweils ergänzten Denkmälern in den Jahrzehn-
ten zuvor immer in den Berichten scheidender
Rektoren genannt wird.
In der Geschichte des Arkadenhofes als zent-
raler Ort der Gelehrtenmemoria an der Universi-
tät Wien stellt die Entfernung von Denkmälern
einen singulären Fall dar. Es gab dafür, anders als
1 Archiv der Universität Wien (UAW), Schreiben des Rektors Fritz Knoll an das Ministerium für innere und kultu-
relle Angelegenheiten vom 7. November 1938, Akademischer Senat der Universität Wien (Senat), G.Z. 184 aus
1938/39, ONr. 2.
2 M. Grüttner, Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, Heidelberg 2004, S. 93.
3 UAW, Senat G.Z. 669 aus 1937/38.
4 Die feierliche Rektorsinauguration der Universität Wien 1943 (Wiener wissenschaftliche Vorträge und Reden, hrsg.
von der Universität Wien), Brünn/München/Wien 1944, S. 14.
back to the
book Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa"
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken