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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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suchte Nemon schon Mitte der Zwanzigerjahre, als er sich vergeblich um einen Studienplatz an der Wiener Akademie der Künste bewarb, ein Porträt von Freud anfertigen zu dürfen. Dies ge- lang jedoch erst 1931 durch Vermittlung des Wie- ner Arztes und Psychoanalytikers Paul Federn (1871–1950). Bemerkenswert ist, dass das Inter- esse des Bildhauers mit dem Wunsch der Freun- de und Schüler Freuds zusammenfiel. Der Bild- hauer suchte ein attraktives Modell und nutzte die Berühmtheit Sigmund Freuds geschickt für die Entfaltung seiner eigenen Karriere. Zumin- dest sprechen die Fotos, die er bei einer der Sit- zungen anfertigen ließ, für diese Vermutung. Die Auftraggeber hatten hingegen ein eindrucks- volles Präsent zum 75. Geburtstag des Gelehr- ten. Offenbar war es in akademischen Kreisen auch nach dem Ersten Weltkrieg noch durchaus üblich, dass man Porträtbüsten für den privaten Gebrauch anfertigen ließ. Freud wählte für sich eine in Holz geschnitzte Version dieser Büste, die sich heute im Freud Museum in Hampstead be- findet. Hinsichtlich des Kriteriums der Angemes- senheit der Büste ist nun interessant, dass sich die Initiatoren und Antragsteller der Ehrung Sig- mund Freuds im Arkadenhof für die in forma- ler Hinsicht modernere, von Paul Königsberger modellierte Büste entschieden haben. Die Ent- scheidung geht auf keinen Geringeren als Er- nest Jones (1879–1958) zurück, der einer der ers- ten Schüler Sigmund Freuds war und dann sein Freund und wichtigster Biograf wurde. Jones stiftete die Kopie der Büste, die ab 1936 in der Universität Jerusalem aufgestellt war und heute – ob im Original oder in Kopie ist derzeit nicht zu entscheiden – im Wiener Freudmuseum in der Berggasse 19 zu sehen ist. Am Beispiel der beiden Büsten von Sigmund Freud und Karl Popper zeigen sich die grund- sätzlichen Unterschiede zwischen dem Port- rät nach dem lebenden Modell und dem post- humen Porträt nach einem Foto. Während die Porträtplastik nach dem lebenden Modell allein aufgrund des direkten Kontaktes zwischen dem Künstler und dem Dargestellten sich für vielfäl- tige Interpretationen anbietet, wird die posthu- me Porträtplastik vor allem an den vorhandenen Porträtfotos gemessen, wobei die Wiedererkenn- barkeit zu einem wichtigen Qualitätskriterium wird. Da von den meisten Gelehrten des 19. Jahr- hunderts, wenn überhaupt, nur ein fotogra- fisches Porträt existiert, konnte das plastische Porträt noch zu einer Art Ikone für den Darge- stellten werden. Im 20. Jahrhundert übernimmt das Porträtfoto die maßgebliche Rolle für das Er- innern und Gedenken. Symptomatisch ist, dass die Biografien der berühmten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts mit zahlreichen Aufnah- men aus den unterschiedlichen Lebensabschnit- ten illustriert werden können. Die vielen Fotos sind zwar in der Lage, die Entwicklung eines Ge- lehrten zu veranschaulichen, aber sie verhindern die Herausbildung eines Idealbildes. Sigmund Freud ist ein frühes Beispiel für diese Entwick- lung, die letztlich zur Krise der Porträtplastik und deren weitgehenden Entwertung als Erin- nerungsobjekt führte. Im Folgenden wird der Manifestation dieser Krise im Arkadenhof der Universität Wien nachgegangen. Die Errichtung des Denkmals für Sigmund Freud im Jahr 1955 fällt in eine Zeit, in der über- raschend viele Professorendenkmäler im Arka- denhof aufgestellt worden sind. Die Statistik gibt einen ersten Überblick über die zeitliche Vertei- lung der Denkmalsenthüllungen in dem unter- suchten Zeitraum vom Ende des Zweiten Welt- kriegs bis 2015. (Abb. 6) In der langen Zeitspanne von 70 Jahren wurden im Arkadenhof 46 Denk- mäler für herausragende Mitglieder der Professo- renschaft errichtet. Hinzu kommen das Mahn- mal für die vertriebenen Mediziner von Günther Wolfsberger (1998), die Neugestaltung des „Sieg- friedskopfes“ von Bele Marx & Gilles Mussard (2006), das Denkmal „Der Muse reicht’s“ von Iris Andraschek (2009) sowie die temporären Aufstellungen des Denkmals „Anonymisier- 133 zeitgemäss
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Title
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Editor
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Publisher
Böhlau Verlag
Location
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Size
18.5 x 26.0 cm
Pages
428
Keywords
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
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