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DER KÖRPER ALS MONUMENT. BENTHAMS
AUTO-IKONE UND DIE ÄSTHETIK DES
HYPERREALISTISCHEN GELEHRTENPORTRÄTS
Pietro Conte
Jeremy Bentham muss ein sehr
vorausschau-ender
und eher pessimistischer Mensch ge-
wesen sein, wenn es wahr ist, dass er am 24.
August 1769, gerade volljährig geworden, ent-
schieden hat, sein Testament zu verfassen. Das,
was ihn sorgte, war nicht die Verteilung seiner
Reichtümer, sondern das Schicksal seiner sterb-
lichen Überreste, die er einem Chirurgen für ei-
ne öffentliche Sezierung anvertrauen wollte: ein
großartiger Beitrag zum wissenschaftlichen Fort-
schritt und ganz sicher demjenigen würdig, der
später die moderne Theorie des Utilitarismus be-
gründen würde.
Hinter der persönlichen Sorge eines einzel-
nen Menschen steckt jedoch ein viel generelle-
res Problem, dasselbe welches Jahrzehnte später,
am 4. Februar 1832, in einem seltsamen Brief auf-
taucht, in dem Goethe den Preußischen Ministe-
rialbeamten Peter Beuth ermahnt, einen Anato-
men, einen Plastiker und einen Gipsgießer nach
Florenz zu senden, wo sie die Geheimnisse der
Herstellung anatomischer Wachsmodelle erler-
nen und nach Berlin – der Stadt, wo Wissenschaf-
ten, Künste, Geschmack und Technik vollkommen
einheimisch in lebendiger Thätigkeit sind1 – impor-
tieren sollten. Auf diese Weise könnten die Me-
dizinstudenten die innere Gestalt des menschli- chen Körpers untersuchen, ohne den Leichnam
zu berühren. Goethes Erachtens nach erwies sich
die Wachsfigur als ein würdiges Surrogat, das auf
ideelle Weise die Wirklichkeit ersetzt.2 Die Grün-
de für diese Anfrage sind identisch mit jenen, die
Bentham dazu trieben, sein Testament zu ma-
chen, und sie werden deutlich, als Goethe am
Ende seines Briefes einige Nachrichten wieder-
gibt, die Friedrich Alexander Bran, Journalist
und Leiter der „Miszellen aus der neuesten aus-
ländischen Literatur“, veröffentlicht hatte. Der
Titel klang stark beunruhigend: London Asphy-
xiators. Und auch der Inhalt war es nicht weni-
ger. Man liest von den Auferstehungsmännern,
Leichenräubern, die, mangels frischer Körper,
die exhumiert und geheim an die Krankenhäu-
ser für anatomische Studien hätten geliefert wer-
den können, entschieden hatten, die Wartezeit
zu verkürzen und sich unmittelbar in Mörder zu
verwandeln: Von ihren Eltern verlassene Kinder,
die von Betteln oder Spitzbübereyen lebten, kamen
nicht wieder an die Orte, die sie gewöhnlich be-
suchten. Man zweifelt nicht daran, daß auch sie als
Opfer der Habgier jener Ungeheuer gefallen sind,
die sich um jeden Preis zu Lieferanten der Section-
säle machen wollen.3 Das Vorgehen der Mörder
war immer gleich: Die Unglücklichen wurden
1 J. W. von Goethe, Plastische Anatomie, in: Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand, 60 Bde., Stuttgart/
Tübingen 1827–1842, Bd. 44, S. 61.
2 Ebenda, S. 60.
3 Ebenda, S. 64.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken