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ne Bildnis – ist durchaus nicht einfach der maka-
bre Scherz eines Intellektuellen, sondern stattdes-
sen Ausdruck eines präzisen kulturellen Projekts.
Nachdem er die Herkunft des Begriffes „Auto-Iko-
ne“ geklärt hatte – The word „auto“ has been ma-
de familiar to English ears by its use in „autobiogra-
phy“ (why should there not be „auto-tanatography“?),
„autograph“ ecc.13 –, stürzt sich der Gelehrte in ei-
ne Lobrede auf seine Kreatur und definiert sie als
a man who is his own image, „ein Mensch, der sein
eigenes Ebenbild ist“.14 Es handelt sich dabei um
das extremste Beispiel einer Monumentalisierung
des Körpers, die in einer Metamorphose endet, die
diametral entgegengesetzt zu jener der Galatea (der
Statue, in die sich Pygmalion verliebt hatte) ist:
Dort wurde eine unbeseelte künstliche Figur zum
Leben erweckt, hier wird im Gegenteil eine Person
aus Fleisch und Blut in ihr eigenes Ebenbild um-
gewandelt. Thus every man would be his own mo-
nument; and if copies were wanting, a cast in plaster
would supersede the necessity of sculpture.15
Benthams Meinung nach hatte der Auto-Iko-
nismus unzählige Vorteile. Aus ökonomischer
Sicht ließe er Beerdigungen, Beisetzungen und
Einäscherungen überflüssig werden, Zeremonien,
die von Bentham als gleichbedeutend mit verhass-
ten und unnützen Formen der Versteuerung gese-
hen wurden. Aus pädagogischen Gründen würde
er es gestatten, Tempel der Ehre oder der Schande16
zu errichten, die die Respekt oder Schmach verdie-
nenden Auto-Ikonen aufnehmen und den Besu-
chern vorbildliche oder abzulehnende Modelle an-
bieten könnten. Das Voranschreiten der Zeit (mit
den sozialen, politischen und moralischen Ver-
änderungen, die damit stets einhergehen) könn-
te auch zu perspektivischen Umschwüngen führen
und bewirken, dass zuvor verschmähte Auto-Iko- nen anschließend verehrt würden und umgekehrt
– eine Tatsache, die sich als außerordentlich inte-
ressant aus Sicht der Ideen- und Kulturgeschich-
te erweisen sollte. Man sollte auch nicht verges-
sen, dass Bentham diese Überlegungen genau zu
der Zeit entwickelt, in der Marie Grosholtz (alias
Madame Tussaud) auf dem Höhepunkt ihrer Kar-
riere angekommen ist und in ganz England ihre
Wanderausstellung herumführt, die nicht nur aus
Helden und strahlenden Persönlichkeiten bestand,
sondern vor allem aus Mördern, Halsabschnei-
dern, Vergewaltigern und grands voleurs: Die von
dem Philosophen erdachten Tempel der Lobrede
und Schande sind also gar nicht so abwegig und es
ist kein Zufall, dass in Auto-Icon explizit Bezug auf
ein anderes berühmtes Wachsfigurenmuseum, das
der Mrs. Salmon, genommen wird.
Dies ist aber nicht alles. Von einem wissen-
schaftlichen Blickwinkel aus ist es in erster Linie
die Phrenologie, die Vorteil aus den Auto-Iko-
nen hätte ziehen können: Explizit die Begrün-
der des Faches, Johann Gaspar Spurzheim und
Franz Joseph Gall zitierend, unterstreicht Ben-
tham, dass ihre Schüler so endlich auf Selbstpor-
träts zählen könnten, die vollkommen identisch
mit den Originalen wären. Und Bentham hätte
es gewiss Freude bereitet, zu wissen, dass es im
Laufe des 19. Jahrhunderts nicht an tief schürfen-
den Studien gefehlt hat, die versucht haben, zwi-
schen seinen außergewöhnlichen intellektuellen
Gaben und den anatomischen Charakteristiken
seines Schädels einen Bezug herzustellen. Die Er-
gebnisse sind allerdings nicht sonderlich ermuti-
gend gewesen: „Jeremy Bentham’s head is close-
ly identical with that of the mediocre or average
Englishman. […] If judged by head-capacity,
Bentham would have been simply mediocre“.17
Der Körper als MonuMent 217
13 J. Bentham, Auto-Icon. Or, Farther Uses of the Dead to the Living. A Fragment. From the MSS. of Jeremy Ben-
tham, in: Bentham’s Auto-Icon (zit. Anm. 5), S. 1–21: 2.
14 Ebenda.
15 Ebenda, S. 4.
16 Ebenda, S. 6.
17 M. A. Lewenz K. Pearson, On the Measurement of Internal Capacity from Cranial Circumferences, in: Biometri-
ka, III/4, 1904, S. 366–397, 394.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken