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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Page - 217 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

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ne Bildnis – ist durchaus nicht einfach der maka- bre Scherz eines Intellektuellen, sondern stattdes- sen Ausdruck eines präzisen kulturellen Projekts. Nachdem er die Herkunft des Begriffes „Auto-Iko- ne“ geklärt hatte – The word „auto“ has been ma- de familiar to English ears by its use in „autobiogra- phy“ (why should there not be „auto-tanatography“?), „autograph“ ecc.13 –, stürzt sich der Gelehrte in ei- ne Lobrede auf seine Kreatur und definiert sie als a man who is his own image, „ein Mensch, der sein eigenes Ebenbild ist“.14 Es handelt sich dabei um das extremste Beispiel einer Monumentalisierung des Körpers, die in einer Metamorphose endet, die diametral entgegengesetzt zu jener der Galatea (der Statue, in die sich Pygmalion verliebt hatte) ist: Dort wurde eine unbeseelte künstliche Figur zum Leben erweckt, hier wird im Gegenteil eine Person aus Fleisch und Blut in ihr eigenes Ebenbild um- gewandelt. Thus every man would be his own mo- nument; and if copies were wanting, a cast in plaster would supersede the necessity of sculpture.15 Benthams Meinung nach hatte der Auto-Iko- nismus unzählige Vorteile. Aus ökonomischer Sicht ließe er Beerdigungen, Beisetzungen und Einäscherungen überflüssig werden, Zeremonien, die von Bentham als gleichbedeutend mit verhass- ten und unnützen Formen der Versteuerung gese- hen wurden. Aus pädagogischen Gründen würde er es gestatten, Tempel der Ehre oder der Schande16 zu errichten, die die Respekt oder Schmach verdie- nenden Auto-Ikonen aufnehmen und den Besu- chern vorbildliche oder abzulehnende Modelle an- bieten könnten. Das Voranschreiten der Zeit (mit den sozialen, politischen und moralischen Ver- änderungen, die damit stets einhergehen) könn- te auch zu perspektivischen Umschwüngen führen und bewirken, dass zuvor verschmähte Auto-Iko- nen anschließend verehrt würden und umgekehrt – eine Tatsache, die sich als außerordentlich inte- ressant aus Sicht der Ideen- und Kulturgeschich- te erweisen sollte. Man sollte auch nicht verges- sen, dass Bentham diese Überlegungen genau zu der Zeit entwickelt, in der Marie Grosholtz (alias Madame Tussaud) auf dem Höhepunkt ihrer Kar- riere angekommen ist und in ganz England ihre Wanderausstellung herumführt, die nicht nur aus Helden und strahlenden Persönlichkeiten bestand, sondern vor allem aus Mördern, Halsabschnei- dern, Vergewaltigern und grands voleurs: Die von dem Philosophen erdachten Tempel der Lobrede und Schande sind also gar nicht so abwegig und es ist kein Zufall, dass in Auto-Icon explizit Bezug auf ein anderes berühmtes Wachsfigurenmuseum, das der Mrs. Salmon, genommen wird. Dies ist aber nicht alles. Von einem wissen- schaftlichen Blickwinkel aus ist es in erster Linie die Phrenologie, die Vorteil aus den Auto-Iko- nen hätte ziehen können: Explizit die Begrün- der des Faches, Johann Gaspar Spurzheim und Franz Joseph Gall zitierend, unterstreicht Ben- tham, dass ihre Schüler so endlich auf Selbstpor- träts zählen könnten, die vollkommen identisch mit den Originalen wären. Und Bentham hätte es gewiss Freude bereitet, zu wissen, dass es im Laufe des 19. Jahrhunderts nicht an tief schürfen- den Studien gefehlt hat, die versucht haben, zwi- schen seinen außergewöhnlichen intellektuellen Gaben und den anatomischen Charakteristiken seines Schädels einen Bezug herzustellen. Die Er- gebnisse sind allerdings nicht sonderlich ermuti- gend gewesen: „Jeremy Bentham’s head is close- ly identical with that of the mediocre or average Englishman. […] If judged by head-capacity, Bentham would have been simply mediocre“.17 Der Körper als MonuMent 217 13 J. Bentham, Auto-Icon. Or, Farther Uses of the Dead to the Living. A Fragment. From the MSS. of Jeremy Ben- tham, in: Bentham’s Auto-Icon (zit. Anm. 5), S. 1–21: 2. 14 Ebenda. 15 Ebenda, S. 4. 16 Ebenda, S. 6. 17 M. A. Lewenz K. Pearson, On the Measurement of Internal Capacity from Cranial Circumferences, in: Biometri- ka, III/4, 1904, S. 366–397, 394.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Title
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Editor
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Publisher
Böhlau Verlag
Location
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Size
18.5 x 26.0 cm
Pages
428
Keywords
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
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