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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
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Page - 218 - in Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa

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Ein weiterer, nicht weniger wichtiger Vorteil, der durch die Auto-Ikonen möglich wurde, be- zieht sich auf das Gedenken, indem der Bau ei- ner Galerie von Porträts die teuren Stein- und Marmordenkmäler überflüssig machen und Rei- che und Arme demokratisch auf dieselbe Stu- fe stellen würde. Gibt es denn kein ausreichend großes Gebäude, um die Auto-Ikonen als Ganz- körperfigur auszustellen? Sicher könnte man sich mit den auf wenigen Brettern eines mittleren Wandregals ausgelegten alleinigen Köpfen der Auto-Ikonen bereits begnügen, die bestens das exzellente pedigree des Hausherren auszeichnen. An diesem Punkt eilen die Gedanken Jahr- hunderte zurück bis hin zu dem sogenannten ius imaginum, dem Recht, das die nobiles hat- ten, Wachsbilder der Ahnen, die zu kurulischen Ämtern gelangten, im Atrium aufzustellen und bei feierlichen Gelegenheiten, wie Leichenbe- gängnissen, zur Schau zu stellen. Diese Praxis, die Julius von Schlosser – mit allen Risiken, aber auch der Faszination des Anachronismus – in seiner bahnbrechenden Geschichte der Porträt- bildnerei in Wachs mit unserem heutigen Brief- adel18 verglich, ist seit der republikanischen Zeit nachgewiesen und im II. Jahrhundert n. C. von Polybius in einer komplizierten und festgelegten Form beschrieben worden: Denn so oft unter ihnen irgend ein berühm- ter Mann diese Welt verlassen hat, wird er bei sei- ner Leichenbestattung, außer andern Ehrenbezeu- gungen, auf den Rednerplatz, wie sie es nennen, herausgetragen, zuweilen stehend, damit ihn Je- dermann sehen könne, seltner liegend. Hier steht das ganze Volk versammelt umher, und sein Sohn, wenn er einen schon herangewachsenen Sohn nach- gelassen hat, und dieser zugegen ist, oder einer von seinen Blutsverwandten, besteigt die Rednerbühne, und hält eine Lobrede auf den Verstorbenen, wor- in er die von ihm in seinem Leben verrichteten ed- len Handlungen erwähnt. Und so geschieht es, daß das ganze Volk sich an das Geschehene lebhaft er- innert, sich es wieder vor Augen stellt, und so innig davon gerührt wird, daß die Trauer mehr öffent- lich, als bloß dem Geschlechte des Verstorbenen ei- gen zu sein scheint. Hierauf bestatten sie die Leiche des Verstorbenen; und hernach stellen sie sein Bild- nis an dem scheinbarsten Orte des Hauses auf, und schließen es in hölzerne Schreine ein. Dies Bildnis aber ist das Antlitz des Verstorbenen mit ganz vor- züglicher Ähnlichkeit gearbeitet, sowohl der Form, als der Unterschrift nach. Dergleichen Bilder aber tragen sie auch bei öffentlichen Opferfeyerlichkeiten umher, und schmücken sie aufs schönste. Wenn aber irgend ein angesehenes Mitglied des Hauses stirbt, so tragen sie das Bild mit zum Leichenbegängniß, und bekleiden es so, wie es seiner Größe und seinem Range gemäß ist. […] Schöner kann für einen ehr- liebenden und edelmüthigen Jüngling kein Anblick sein. Denn die Bilder solcher Männer zu sehen, die durch Tugend berühmt worden sind, und sie wie le- bend und beseelt vor sich zu sehen, ist ohne Zweifel das edelste Schauspiel.19 Die Frage nach den imagines maiorum ist bekanntlich ein sehr verzwicktes Problem, wo- bei die teils weit entfernten Interpretationen ge- rade durch den Nachdruck auf den performa- tiven Wert dieser Porträts vereint werden, der durch die vom Einsatz des Wachses möglich gemachte Adhärenz an das Modell akzentuiert wird: „Die Ahnen sind hier, sie sind in Form von Masken, die ihr Aussehen am präzisesten wie- dergeben, angekommen. […] Der Verstorbe- ne gelangt nicht nur metaphorisch ad maiores: die Ahnen sind tatsächlich dort, um ihn zu be- gleiten. Man stirbt in Anwesenheit seiner Ver- gangenheit“.20 Hier sind wir also erneut bei der Frage der Anwesenheit, der Präsenz, der eigentli- pietro conte218 18 J. von Schlosser, Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs. Ein Versuch, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, XXIX, 1910–1911, S. 171–258, hier 178. 19 Polybios, Historiae VI, 52, 11–54; zit. nach J. von Schlosser, Geschichte (zit. Anm. 17), S. 179. 20 M. Bettini, Antropologia e cultura romana. Parentela, tempo, immagini dell’anima (1986), Roma 1999, S. 186 (Übersetzung des Autors). Open Access © 2018 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Title
Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
Editor
Ingeborg Schemper-Sparholz
Martin Engel
Andrea Mayr
Julia Rüdiger
Publisher
Böhlau Verlag
Location
WIEN · KÖLN · WEIMAR
Date
2018
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20147-2
Size
18.5 x 26.0 cm
Pages
428
Keywords
Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
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