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Ein weiterer, nicht weniger wichtiger Vorteil,
der durch die Auto-Ikonen möglich wurde, be-
zieht sich auf das Gedenken, indem der Bau ei-
ner Galerie von Porträts die teuren Stein- und
Marmordenkmäler überflüssig machen und Rei-
che und Arme demokratisch auf dieselbe Stu-
fe stellen würde. Gibt es denn kein ausreichend
großes Gebäude, um die Auto-Ikonen als Ganz-
körperfigur auszustellen? Sicher könnte man sich
mit den auf wenigen Brettern eines mittleren
Wandregals ausgelegten alleinigen Köpfen der
Auto-Ikonen bereits begnügen, die bestens das
exzellente pedigree des Hausherren auszeichnen.
An diesem Punkt eilen die Gedanken Jahr-
hunderte zurück bis hin zu dem sogenannten
ius imaginum, dem Recht, das die nobiles hat-
ten, Wachsbilder der Ahnen, die zu kurulischen
Ämtern gelangten, im Atrium aufzustellen und
bei feierlichen Gelegenheiten, wie Leichenbe-
gängnissen, zur Schau zu stellen. Diese Praxis,
die Julius von Schlosser – mit allen Risiken, aber
auch der Faszination des Anachronismus – in
seiner bahnbrechenden Geschichte der Porträt-
bildnerei in Wachs mit unserem heutigen Brief-
adel18 verglich, ist seit der republikanischen Zeit
nachgewiesen und im II. Jahrhundert n. C. von
Polybius in einer komplizierten und festgelegten
Form beschrieben worden:
Denn so oft unter ihnen irgend ein berühm-
ter Mann diese Welt verlassen hat, wird er bei sei-
ner Leichenbestattung, außer andern Ehrenbezeu-
gungen, auf den Rednerplatz, wie sie es nennen,
herausgetragen, zuweilen stehend, damit ihn Je-
dermann sehen könne, seltner liegend. Hier steht
das ganze Volk versammelt umher, und sein Sohn,
wenn er einen schon herangewachsenen Sohn nach-
gelassen hat, und dieser zugegen ist, oder einer von
seinen Blutsverwandten, besteigt die Rednerbühne,
und hält eine Lobrede auf den Verstorbenen, wor- in er die von ihm in seinem Leben verrichteten ed-
len Handlungen erwähnt. Und so geschieht es, daß
das ganze Volk sich an das Geschehene lebhaft er-
innert, sich es wieder vor Augen stellt, und so innig
davon gerührt wird, daß die Trauer mehr öffent-
lich, als bloß dem Geschlechte des Verstorbenen ei-
gen zu sein scheint. Hierauf bestatten sie die Leiche
des Verstorbenen; und hernach stellen sie sein Bild-
nis an dem scheinbarsten Orte des Hauses auf, und
schließen es in hölzerne Schreine ein. Dies Bildnis
aber ist das Antlitz des Verstorbenen mit ganz vor-
züglicher Ähnlichkeit gearbeitet, sowohl der Form,
als der Unterschrift nach. Dergleichen Bilder aber
tragen sie auch bei öffentlichen Opferfeyerlichkeiten
umher, und schmücken sie aufs schönste. Wenn aber
irgend ein angesehenes Mitglied des Hauses stirbt,
so tragen sie das Bild mit zum Leichenbegängniß,
und bekleiden es so, wie es seiner Größe und seinem
Range gemäß ist. […] Schöner kann für einen ehr-
liebenden und edelmüthigen Jüngling kein Anblick
sein. Denn die Bilder solcher Männer zu sehen, die
durch Tugend berühmt worden sind, und sie wie le-
bend und beseelt vor sich zu sehen, ist ohne Zweifel
das edelste Schauspiel.19
Die Frage nach den imagines maiorum ist
bekanntlich ein sehr verzwicktes Problem, wo-
bei die teils weit entfernten Interpretationen ge-
rade durch den Nachdruck auf den performa-
tiven Wert dieser Porträts vereint werden, der
durch die vom Einsatz des Wachses möglich
gemachte Adhärenz an das Modell akzentuiert
wird: „Die Ahnen sind hier, sie sind in Form von
Masken, die ihr Aussehen am präzisesten wie-
dergeben, angekommen. […] Der Verstorbe-
ne gelangt nicht nur metaphorisch ad maiores:
die Ahnen sind tatsächlich dort, um ihn zu be-
gleiten. Man stirbt in Anwesenheit seiner Ver-
gangenheit“.20 Hier sind wir also erneut bei der
Frage der Anwesenheit, der Präsenz, der eigentli-
pietro
conte218
18 J. von Schlosser, Geschichte der Porträtbildnerei in Wachs. Ein Versuch, in: Jahrbuch der Kunsthistorischen
Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses, XXIX, 1910–1911, S. 171–258, hier 178.
19 Polybios, Historiae VI, 52, 11–54; zit. nach J. von Schlosser, Geschichte (zit. Anm. 17), S. 179.
20 M. Bettini, Antropologia e cultura romana. Parentela, tempo, immagini dell’anima (1986), Roma 1999, S. 186
(Übersetzung des Autors).
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken