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eignisse oder um schlichte Fiktionen handelt,
hat im Grunde wenig Bedeutung, weil es aus ei-
nem kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt ent-
scheidend ist, dass das Ereignis auch nur gedacht
wurde: Wie Johann Jakob Bachofen einmal fest-
stellte, auch wenn ein überliefertes Ereignis in
Wirklichkeit gar nicht oder nicht so geschehen
ist, bewahrt die Idee, dass dieses Ereignis gesche-
hen oder in einer bestimmten Form geschehen
ist, seine Gültigkeit wegen des typischen Cha-
rakters der Beschreibung.29 Die Mitglieder des
Collegerates müssen allerdings anderer Ansicht
gewesen sein, weil sie entschieden haben, jeden
Zweifel zu zerstreuen und den Mythos in Re-
alität zu verwandeln: Anlässlich der Pensionie-
rung des Rektors konnte die Auto-Ikone am 9.
Juli 2013 endlich an der vorgesehenen Versamm-
lung teilnehmen, von der, um Missverständnis-
se zu vermeiden, eine umfangreiche fotografische
Dokumentation festgehalten wurde.
Bentham wäre glücklich darüber gewesen.
Die Effigie mit dem Gesicht aus Wachs, ketze-
rische Erbin der tausendjährigen Versuche, das
Abwesende zu vergegenwärtigen, verbringt ihre
paradoxe posthume Existenz zwischen dem stän- digen Erblühen neuer Studien und dem konti-
nuierlichen Pilgern zahlreicher Neugieriger aus
der ganzen Welt. Es gibt sogar eine digitale hoch-
auflösende Version namens virtual auto-icon, die
dank elektronischer Datenverarbeitung gedreht
und vergrößert werden kann; ein Vorgehen, wel-
ches immer häufiger im Rahmen der Kunst und
Kunstwerke benutzt wird. Es ist genau wie ein
sublimes Kunstwerk, wie Bentham seine Auto-
Ikone verstanden wissen wollte: In the Fine Arts,
identity is the source and standard of similitude.
What resemblance, what painting, what statue of
a human being can be so like him, as, in the cha-
racter of an Auto-Icon, he or she will be to himself
or herself. Is not identity preferable to similitude?30
Ganz sicher eine provozierende Frage, die aller-
dings die zweihundert Jahre spätere Epoche des
Readymade und das radikal zur Diskussion ge-
stellte Problem der nur scheinbar unbestrittenen
Grenzen zwischen Mimese, Nachahmung, Ab-
druck und Kunst vorwegnimmt.
Abbildungsnachweis: Abb. 1: University College Lon-
don.
Der Körper als MonuMent 221
29 Siehe J. J. Bachofen, Die Sage von Tanaquil. Eine Untersuchung über den Orientalismus in Rom und Italien
(1870), Basel 1951, bes. S. 49–51.
30 Bentham, Auto-Icon (zit. Anm. 12), S. 3. S. darüber F. Druffner, Identität statt Ähnlichkeit. Jeremy Benthams
„Auto-Icon“, in: Zeitschrift für Ideengeschichte I/3, 2007, S. 84–96.
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken