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THE PORTABLE SCHOLAR’S MONUMENT.1
DES (KUNST-)GELEHRTEN DENKMAL IM FRONTISPIZ
SEINER SCHRIFTEN*
Bernd Ernsting
Des Gelehrten Wissen überdauert, sofern
publizierend er selbst oder spätestens sei-
ne nachlaßpflegenden Fachkollegen dafür Sorge
tragen, seine eigene, seine irdisch-leibliche Exis-
tenz; das eine wird mit Drucklegung statisch und
durch Auslieferung zum bleibenden Gemeingut,
die andere bekanntermaßen mit dem Ableben
transitorisch bis zum Staubzerfall. Sein Wissen
mag fortwirken oder mangels anhaltender Re-
zeption am Gestade des Vergessens versanden –
doch was erinnert jenseits seiner Schriften an sei-
ne Persönlichkeit, wo erscheint und wo verbleibt
sein Bild, hier speziell dasjenige zur öffentlichen
Wahrnehmung sich bietende und zumal das aus
ehrenwollender Absicht ihm errichtete? Manch-
mal fehlt gar seine bildlich authentische Porträt-
überlieferung. Im öffentlichen Profanraum oder
am (akademischen) Ort ihres (lehrenden) Wir-
kens wurde bis zum 19. Jahrhundert einzelnen
Gelehrten des Humanismus kaum je ein plas-
tisches Denkmal gesetzt. Ersterer blieb von je-
her und fast ausnahmslos den Repräsentanten
schier- und geistlich-weltlicher Macht vorbe-
halten, den Akteuren von politischer Wirkung
aus friedliebender wie aus militärischer Ambiti- on. Derweil versammelten Universität und Kol-
leg – falls überhaupt, dann über längere Zeit-
räume akkumulierend statt aktualisierend – die
gemalten Bildnisse ihrer einst rühmlichen Mit-
glieder in akademischen Ahnengalerien, die zu-
vörderst auf die Meriten der Korporation in to-
to, weniger auf die Verdienste des Einzelnen
zielten und schon gar nicht plausibel unterstel-
len konnten, dieser habe seine persönliche Leis-
tung in das Wirken wiederum einzelner Nach-
folger im Lehramte tradiert.
Im ehrenvollsten Falle wurde ihnen das Epi-
taph im Sakralraum errichtet, den sie mit Ver-
tretern anderer Berufe und Stände teilten; von
jenen distanzierte man sich mittels des ikonogra-
phischen Apparates und demonstrierte – nahm
eine Kirche mehrere solcher Gelehrtenepita-
phien auf – zugleich den Korpsgeist des selbst-
bewußt geistigen Standes. Nach mehr als vier
Jahrzehnten Lehrtätigkeit (Philosophie und
Medizin) und zeitweiser Rektorenschaft verstarb
1491 Pietro Roccabonella (* um 1427).2 (Abb. 1)
Als handele es sich hier in San Francesco Gran-
de zu Padua gar nicht um ein Funeralmonu-
ment, sondern um eine Genreschilderung des
* Auf Wunsch des Autors und in Vereinbarung mit den Manuskriptrichtlinien erscheint dieser Beitrag einheitlich in
alter Rechtschreibung.
1 Der Titel rekurriert auf Edward Kienholz’ (1927–1994) Installation „The Portable War Memorial“ von 1968 im Köl-
ner Museum Ludwig, Inv.-Nr. ML 1061, Neg. 135 685. Der Vortrag basierte auf einer ausführlicheren Textversion;
Isabel Hufschmidt unterstützte den Verf. bei Recherchen und Bildbeschaffungen.
2 Bartolomeo Bellano (1437 oder 1438–1496 oder 1497) und Andrea Briosco, gen. il Riccio (1470–1532). Danese
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken