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Vignolas eigentlich fragwürdige Akademi-
sierung erfolgte sowohl erst posthum als auch
himmelsleitersprossenweise und gipfelte in der
Büstenaufstellung in der bühnenbildgerechten
Ehrenhalle eines Perspektivtraktats.28 Wenn hin-
gegen Claude-Nicolas Ledoux (1736–1806) ge-
gen Ende seines Lebens die Praxis mancher Be-
rufskollegen aufgriff, das eigene architektonische
Wirken samt ihrer Utopie gebliebenen Projekte
selbst zu publizieren und dem Leser neben Wort
und Werk im Abbild auch die eigene Erschei-
nung zu vermitteln, so vertraute der Autor nicht
seinen Nachkommen, sondern nahm seine eige-
ne Denkmalsetzung persönlich und zwar in ganz
alleine seinem Sinne beizeiten selbst vor.29 Und
hier kommt ein Aspekt ins Spiel, der letztlich al-
len im Buchtitel oder -frontispiz errichteten Ver-
fasserdenkmälern eignet: Über Auflagendruck
und -verbreitung finden diese mobilen wie mul-
tiplizierten Monumente eine weitaus größere
Bildgegenwärtigkeit, als die ortsfest unikale Büs-
te und selbst deren plastische Massenreprodukti-
on es je vermöchten. Die surrogate „Papierbüste“
agiert nämlich in großer, zugleich zielgruppen-
spezifisch limitierter Öffentlichkeit, indem sie
sich an explicit „ihren“ Leser wendet. In distri-
buierter Auflage wie Einzelexemplar zwischen
mehreren dieser Leser geteilt, wird das Buch –
und wird das im Frontispiz vorgebundene Auto-
rendenkmal – Gemeingut einer supranationalen
und territorial unbegrenzten Gelehrtenrepublik. Im Bücherschrank schließlich, in der Bibliothek
sockeln diese Frontispizbüsten im Pantheon, fi-
gurieren sie in einer Walhalla allein der Denker.
Jegliche Bildnisvoraussetzung fehlte lange
Zeit einem anderen Architekten, dessen (Nach-)
Wirkung sich erst nahezu zwei Jahrhunderte
nach seinem Tode, dann allerdings auch trans-
kontinental, entfalten sollte. Die Lebzeitausga-
be von Palladios Quattro libri dell’architettura
war 1570 noch ohne sein Bildnis erschienen,
und auch die identischen Neudrucke von 1581,
1601 und 1616 lassen ein solches vermissen, ob-
schon doch bereits die 1581er-Ausgabe im ers-
ten Jahr nach seinem Tode aktuellen Anlaß zur
Einfügung desselben geboten und mit dem post
mortem jene Vorbedingung gerade zum Büsten-
bildnis erfüllt hätte, an welche sich – wie gezeigt
– seine Berufsstandskollegen nur ausnahmsweise
hielten. Als es im frühen 18. Jahrhundert mit der
Wiederentdeckung Palladios und der Entwick-
lung des sich auf ihn berufenden Neo-Palladi-
anismus zu einem erkennbaren Bedürfnis kam,
sich ein Bild von ihm zu machen und ihm mit-
tels eines solchen auch ein Denkmal zu setzen,
da waren die zunächst englischen Herausgeber
und Verleger gehalten, ein solches zu erfinden.
Die erste neben italienisch- auch englischspra-
chige Ausgabe der Quattro libri erschien, bear-
beitet vom Architekten Giacomo Leoni (1685–
1746), 1715 in London.30 (Abb. 12) Der gebürtige
Venezianer war über eine Anstellung beim pfäl-
The PorTable Scholar’S MonuMenT 249
von Jérôme David (wohl zwischen 1590 und 1600–nach 1634) nach Francesco Villamena (1564 oder um 1565–1624).
Zum Stich (Ausgabe Rom 1691 [1684]) jüngst E. Leuschner, in: Architektur- und Ornamentgraphik der frühen
Neuzeit. Migrationsprozesse in Europa (hrsg. von S. Frommel und E. Leuschner), Ausst.-Kat. Erfurt, Universität,
Forschungsbibliothek Gotha 5. 6.–31. 7. 2014, Rom 2014 (Hautes etudes histoire de l’art, hrsg. von S. Frommel und
J.-M. Leniaud), S. 106, Kat.-Nr. 48, Abb. S. 107. Dort auch der Hinweis auf die Attribute in den Zwickeln.
28 Le due regole della prospettiva pratica di M. Iacomo Barozzi da Vignola, con i commentarii del R. P. M. [= Reveren-
do Padre Maestro] Egnatio Danti […], Rom 1583, Frontispiz (Kupferstich) von Alberto Cherubini (nicht identifi-
ziert).
29 L’architecture considerée sous le rapport de l’art, des mœurs et de la législation par C. N. Ledoux, Paris 1804, Fron-
tispiz (Kupferstich) von Charles Nicolas Varin (1741–1812).
30 L’architettura di A. Palladio, divisa in quattro libri […]. Aggiuntevi in oltre alcune note, ed osservazioni di Inigo
Jones. Il tutto riveduto, disegnato, & novamente posta in luce da Giacomo Leoni Veneziano, architetto […] (Bd. 1)
The Architecture of A. Palladio; in four Books […] to which are added several Notes and Observations made by In-
igo Jones, never printed before. Revis’d, design’d, and publish’d by Giacomo Leoni, a Venetian, […] translated from
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Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Title
- Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa
- Editor
- Ingeborg Schemper-Sparholz
- Martin Engel
- Andrea Mayr
- Julia Rüdiger
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- WIEN · KÖLN · WEIMAR
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20147-2
- Size
- 18.5 x 26.0 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Scholars‘ monument, portrait sculpture, pantheon, hall of honour, university, Denkmal, Ehrenhalle, Memoria, Gelehrtenmemoria, Pantheon, Epitaph, Gelehrtenporträt, Büste, Historismus, Universität
- Categories
- Geschichte Chroniken