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Singen,SpielenundErzählendarüber,„wasmanunterwegsalleserlebt“ 187
Stereotype,VorurteileundKolonialismus
VerweisendaufdasStereotypübervermeintlicheLuftmenschenkonzipierte
derAutorLouisTaufsteineinenbewusstenGegensatzzwischendenvondem
Protagonistenbeschriebenen,vermeintlichtypischjüdischen,Tätigkeitsfeldern
undderBenennungdesProtagonisten: ImStückstelltderProtagonistzuerst
seineTätigkeitenvor.ErstdannbitteterumdieErlaubnisauchsichvorstellen
zudürfen, „Habendie Ehre, gutenAbendmeineHochachtung, bin so frei
michganzErgebenstvorzustellen,meinNameistSigiMauldrescher“[!].41Den
antisemitischenVorstellungenübervermeintlich jüdischeNamenentgegnend
wählt derAutorTaufstein den vermeintlich typischnichtjüdischenNamen
SigiMauldrescher.Damitkonterkariert erdenmitdemAnspielenauf jüdische
BerufeevoziertenDiskursüber ‚Jüdisch-Sein‘.DieNamensgebungdesProtago-
nisten impliziertaberaucheinensubversivenzweitenBruchmitKlischees.Die
NamenswahlSiegfried(KurzformSigi)galtalsbesonders„übertriebeneKon-
vertitenmoral“und„AusdruckdernieerreichbarenAssimilation“.42Zudem
beinhaltetdieWortkombinationdesNachnamensMauldreschereineReferenz
aufdasantisemitischeStereotypdesvermeintlich jüdischenMauschelns.
Taufstein inszeniert somit zuerst einenBruchmit dem stereotypisierten
umherfahrenden jüdischenHändler.DurchdieBenennungergibt sicheine
Distanzzumvermeintlichen ‚Jüdisch-Sein‘.GleichzeitigerfolgtmitderDistan-
zierungerst rechtwiedereineAssoziationmiteinemanderenantisemitischen
Stereotyp,demder„assimilierten“JüdinnenundJuden–der„übertriebenen
Konvertiten“.Taufstein stellte nicht nurdas vermeintlich ‚Jüdische‘ desKli-
scheesüberUmherfahrende inFrage, sondernebensoeinvermeintlichüber
Namenerkennbares ‚Nicht-Jüdisch-Sein‘.DasStück führtdamitdieAbsurdität
derAssimilationsdebattevor, indemesderenWidersprüchlichkeitdemPubli-
kuminderCharakterisierungSigiMauldreschersSchritt fürSchrittvorAugen
führt.
EineMehrfachbesetzungvonsichüberlagerndenKlischeesfindetauch in
derVerknüpfungvonberuflichemAlltagundSexualitätstatt.Ebensokommtes
inderplötzlichen,aufeinglücklichesEndehinauslaufendenWendungaufden
erstenBlickzueinemHandlungsbruch.DeneinzigenZugewinnanFähigkeiten
stelltdiegewonneneLebenserfahrungdar.DieserLebenserfahrung,erworben
aufderReisedurchsLeben,kannderbislangaufungeschickteWeiseinmissliche
LagengekommeneunfreiwilligeReisendeesschließlichverdanken,dassersich
ineinenerfolgreichenReisendenverwandelt.EineWende,dienötig ist,um
einenBogenzumEntréeliedspannenzukönnenunddiealsLegitimationdafür
41 LouisTaufstein,DerReisende.NÖLA,NÖReg.Präs.TheaterTB–TextbücherderTheater-
zensur117/4.
42 Bering,Der„jüdische“Name,159–161.
© 2021 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien
https://doi.org/10.7767/9783205211884 | CC BY 4.0
Auf die Tour!
Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
Zwischen Habsburgermonarchie und Amerika
- Title
- Auf die Tour!
- Subtitle
- Jüdinnen und Juden in Singspielhalle, Kabarett und Varieté
- Author
- Susanne Korbel
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21188-4
- Size
- 15.9 x 24.0 cm
- Pages
- 272
- Category
- Kunst und Kultur