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1076.2
Der Faktor Mensch im autonomen Fahrzeug
Bislang ungeklärt ist die Frage, wie die Rolle des Menschen auf dem Weg hin zum
vollständig autonomen Fahrzeug psychologisch sinnvoll und nutzergerecht definiert wer-
den kann. Die oben dargestellten Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Bereich der
Luftfahrt stellen zwar einen wichtigen Ausgangspunkt für die Beantwortung dieser Frage
dar, sind jedoch aufgrund der höheren Umgebungskomplexität und -dynamik im Straßen-
verkehr nur bedingt für Gestaltungskonzepte im Fahrzeug nutzbar. Eine zunehmende An-
zahl an Forschungsarbeiten hat sich in den letzten Jahren mit der Wechselwirkung zwischen
teil- und hochautomatisierten Fahrfunktionen und dem menschlichem Verhalten beschäf-
tigt (vgl. [24, 25]). Im Zentrum der Betrachtung stehen auch hier über unterschiedliche
Automatisierungsstufen hinweg die bekannten Problembereiche der Automatisierung: Ver-
trauen, Kompetenzverlust und Situationsbewusstsein.
Automation ist nur dann sinnvoll, wenn Operateure dem technischen System vertrauen
und es folglich auch nutzen. Die zentrale Herausforderung in der Gestaltung automatisier-
ter Systeme ist es, angemessenes Vertrauen in diese Systeme zu erzeugen. Dabei können
Fehler der Automation zum Rückgang des Vertrauens [26] führen. Dagegen kann über-
steigertes Vertrauen zur Folge haben, dass die Automation nur unzureichend überwacht und
kontrolliert wird (overtrust oder complacency, [27]). Der Großteil der bisherigen For-
schungsarbeiten in diesem Kontext beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen von Ver-
trauen im Umgang mit Adaptive Cruise Control (ACC; auf Deutsch: adaptive Geschwin-
digkeitsregelung). Ein gewisses Maß an Vertrauen kann dabei bereits eine wichtige Vor-
aussetzung für die Nutzungsbereitschaft von Fahrerassistenzsystemen sein [28]. Kazi et al.
[29] untersuchten in einer Längsschnittstudie im Fahrsimulator den Einfluss der Zuver-
lässigkeit von ACC auf das wahrgenommene Vertrauen in diese Systeme. Die Ergebnisse
zeigen eine Vertrauenszunahme bei zuverlässigen Systemen im Verlauf der Zeit, die jedoch
nicht im Verhältnis zur objektiven Zuverlässigkeit der Automation stand. Zu ähnlichen
Ergebnissen kommen Koustanaï et al. [30], die durch die systematische Graduierung des
Erfahrungsstandes im Umgang mit Auffahrwarnsystemen Veränderungen im Verhalten
und im Vertrauen untersuchten. Die Teilnehmergruppe mit dem höchsten Erfahrungsstand
hatte im Simulator keine Unfälle und reagierte in kritischen Situationen angemessener als
die Fahrer mit geringerem Erfahrungsniveau. Ebenso stand der Grad der Systemerfahrung
im positiven Zusammenhang mit dem geäußerten Vertrauen, jedoch ohne die Akzeptanz
der Automation zu beeinflussen. Im Kontrast zu diesen Befunden stehen die Ergebnisse
mehrerer Studien, die keine signifikanten Veränderungen des Vertrauens in ACC durch
wiederholte Nutzung feststellen konnten (vgl. z. B. [31, 32]). Ursachen dieser inkonsisten-
ten Ergebnisse könnten moderierende Faktoren sein, die in jüngsten Arbeiten betrachtet
wurden. Flemisch et al. [33] und Beggiatio et al. [34] heben in diesem Kontext die Bedeu-
tung übereinstimmender (bereits vorab ausgebildeter) mentaler Modelle über die Funk-
tionsweise der jeweiligen Automation hervor. Noch einen Schritt weiter gehen Verberne
et al. [35] und Waytz et al. [36]. Auf der Basis experimenteller Studien zeigen sie, dass
geteilte Intentionen und Bedürfnisse zwischen Mensch und Maschine bzw. anthropomorphe
Eigenschaften der Automation weitere wichtige Einflussfaktoren für die Ausbildung ange-
messenen Vertrauens in automatisierte Systeme darstellen können.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung