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Einführungsszenarien für höhergradig automatisierte
Straßenfahrzeuge202
10.3.2 Umgestaltung der Individualmobilität: revolutionäres Szenario
Seit ca. 2010 ist bekannt, dass auch automobilfremde Technologiefirmen [16] an automa-
tisierten Fahrzeugen arbeiten. Anders als bei dem zuvor diskutierten evolutionären Szena-
rio, das die Automobilindustrie verfolgt, handelt es sich hier eher um ein revolutionä-
res Szenario, dessen erklärtes Ziel es ist, „Unfälle zu vermeiden, Zeit zu gewinnen und
CO2-Emissionen zu reduzieren, indem die Fahrzeugnutzung fundamental verändert wird“
[16]. Aus entsprechenden Ankündigungen und öffentlichen Konzeptvorstellungen kann
geschlossen werden, dass hier nicht die kontinuierliche Weiterentwicklung der Fahrer-
assistenz hin zum automatisierten Fahren verfolgt wird, sondern vielmehr der Sprung vom
heutigen Verkehrsgeschehen mit fahrergeführten Fahrzeugen hin zu einem Szenario, bei
dem der Fahrer die Fahraufgabe unmittelbar und vollständig an das System übergibt.
Offenbar wird hier Bezug auf das vollautomatisierte oder zumindest hochautomatisierte
Fahren genommen.
Besonderes Augenmerk verdient bei den Konzepten der automobilfremden Technologie-
firmen der Einsatz sogenannter künstlicher Intelligenz, d. h., die Funktionalität des auto-
matisierten Fahrens wird über lernende Algorithmen umgesetzt und weniger, wie in der
Automobilindustrie üblich, durch geschlossene regelungstechnische Beschreibungen. Da-
durch wird versucht, die Lücke zwischen einem rein analytischen System, das innerhalb
enger Grenzen operiert, und einem regelbasierten System, welches das menschliche Ver-
halten nachbildet, zu schließen. Derartige lernende Systeme haben zum Ziel, über die Zeit
ihre Funktionen, wie z. B. Objekterkennung, zu verbessern bzw. das Verhalten und die
Präferenzen des Benutzers zu lernen. Solche Fahrzeugeigenschaften sind in der Auto-
mobilindustrie eher unüblich. Die klassische Vorgehensweise ist vielmehr, dass ein Produkt
mit dem maximal möglichen Funktionsumfang eingeführt wird und darin unverändert
bleibt. In der Computerbranche hingegen ist es üblich, Produkte einzuführen und deren
Funktionsumfang, sei es durch Lernalgorithmen oder regelmäßige Softwareaktualisierung,
dann stetig zunehmen zu lassen.
Während im vorherigen, evolutionären Szenario die Einführungsstrategien der Auto-
mobilindustrie relativ klar zu sein scheinen, ist das in dem nun betrachteten revolutionären
Szenario nicht unbedingt gegeben. Vielmehr verfolgen die Akteure speziell in der Com-
puter- und Kommunikationsindustrie (IT-Branche), bei denen es sich um automobil-
fremde Technologiefirmen handelt [17, 18, 19, 20, 21], ein hochkomplexes Ziel in einem
für sie branchenfremden Gebiet, das nicht direkt zum Kerngeschäft passen mag. Obwohl
in einem Fall offenkundig bereits mehrere hunderttausend Meilen im höhergradig auto-
matisierten Betrieb absolviert wurden [22], ist es derzeit unklar, welche Produktziele letzt-
lich verfolgt werden. Von den Akteuren dieses revolutionären Szenarios werden bisher
kaum Angaben zu konkreten Markteinführungen gemacht, und es ist ungewiss, ob die
automobilfremden Technologiefirmen sich als Fahrzeughersteller zu etablieren versuchen
[23, 24]. Bisher wurden verschiedene Einsatztermine vermutet [25, 26], die in Verbindung
mit anderen Beobachtungen auf diesem Gebiet zu den folgenden Einführungsszenarien
führen.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung