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Entwicklungstrends im automatisierten Fahren
Denkbar erscheint, dass die derzeit zu beobachtenden Versuchsfahrten von höhergradig
automatisierten Fahrzeugen letztlich die Plattform für die Akquisition und spätere An-
wendung von Karten- und Bildmaterial für die automatisierte Fahrzeugführung darstellen.
Die automobilfremden Technologiefirmen könnten dann Dienstleistungen und Online-
Softwareprodukte als Bestandteil einer automatisierten Fahrzeugführung anbieten und
damit die Fahrzeugautomatisierung auf breiter Front vorantreiben. Damit könnten dann
entsprechende Karten- und Grafikinformationen für eine breite Anwendung zur Verfügung
stehen, was eher eine kontinuierliche und weniger revolutionäre Einführung der Automa-
tisierung wäre.
Dennoch könnte am Ende das Ziel darin bestehen, dass der Fahrer, sobald das Fahrzeug
die Fahraufgabe selbsttätig und ohne Überwachungsbedarf ausführt, die Angebote aus dem
Kerngeschäft dieser automobilfremden Technologiefirmen, d. h. Internetdienste, konsu-
miert. Der Ansatz dieser Akteure bestünde damit in einer recht langfristigen und auf den
Umsatz im Kerngeschäft ausgerichteten Strategie, die versucht, die letzten noch unbe-
setzten Marktanteile – also den Mobilitätssektor – für das vernetzte Leben zu erschließen.
Das würde bedeuten, dass der Fahrer während der Fahrt im Internet surft oder in sozialen
Netzwerken aktiv ist und dabei genauso ein potenzieller Kunde von Internetdiensten ist,
wie jeder andere Computernutzer auch.
Ein anderes Einführungsszenario, das besser zum Charakter der Branche zu passen
scheint und auch eher eine revolutionäre Ausprägung offenbart, lässt sich aus öffentlichen
Konzeptvorstellungen [24], Pressemitteilungen [22] und auch Patenten [27] der Branche
ableiten. Demnach erscheint eine Einführung von höhergradig (und unter Umständen sogar
voll-)automatisierten Fahrzeugen für Mobilitätsdienstleistungen wie Personen- [28, 29, 30]
und Warentransport [31] möglich, und das sogar relativ zeitnah. Beispielsweise wäre denk-
bar, dass höhergradig automatisierte Fahrzeuge im Wettbewerb zum klassischen Taxi
angeboten werden. Entsprechende Presseveröffentlichungen [22] und Medienberichte [24]
scheinen ein derartiges Einführungsszenario zu favorisieren, wobei diesen Mitteilungen
letztlich aber nur wenig über die wahren Ziele sowie den Entwicklungsstand der tech-
nischen Umsetzung zu entnehmen ist. Dieser Anwendungsfall entspräche dabei dem in
diesem Buch als „Vehicle-on Demand“ bezeichneten Use-Case.
Eine Abwandlung des automatisierten Taxis sind auch die höhergradig automatisierten
Zustelldienste, wie beispielsweise die Essenslieferung [32, 33, 34], die Hauslieferung des
örtlichen Einzelhandels [31] oder auch generell die Zustellung jeglicher im Internet be-
stellter Waren [18]. Für derartige Beispiele sind bereits öffentlich Konzeptvorstellungen
gezeigt worden. Strategische Investitionen bzw. Akquisitionen der treibenden Unter-
nehmen legen die Vermutung nahe, dass eine zunehmende Automatisierung der Warenzu-
stellung eine mögliche Anwendung der Fahrzeugautomatisierung ist. Ebenso mögen Tests
von sogenannten Drohnen zum Ausliefern von Waren [18, 32, 33] oder auch eine auto-
matisierte Müllentsorgung [35] in diese Richtung weisen (s. Kap.18).
Auch wenn noch viele Fragen unbeantwortet erscheinen, könnte bereits in dieser De-
kade ein großer Schritt in Richtung höhergradiger Fahrzeugautomatisierung erfolgen, der
unter Umständen zu Beginn als klein und sehr begrenzt erscheinen mag (z. B. vollautoma-
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
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