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Autonomes Fahren und
Stadtstruktur220
11.1 Einleitung
Mobilität, Verkehr und die physische Gestalt städtischer Räume sind eng miteinander ver-
knüpft [1]. Die Stadtstruktur bildet eine wichtige Grundlage für Mobilitätsentscheidungen
von Haushalten und Unternehmen und gibt in entscheidendem Maße vor, welche Formen
von Verkehr ermöglicht oder aber auch ausgeschlossen werden. Kompakte Stadtstrukturen
mit hoher Dichte und Nutzungsmischung bieten gute Voraussetzungen für kurze Wege, ein
leistungsfähiges öffentliches Verkehrsangebot, fördern den Fuß- und Radverkehr und
machen die Nutzung des Kraftfahrzeugs im Alltag oft unnötig. Ist die Stadtstruktur hin-
gegen zersiedelt und weist sie eine geringe Dichte auf, werden Fuß- und Radverkehr er-
schwert, und der motorisierte Individualverkehr wird begünstigt. Die Verfügbarkeit und
die Nutzung von bestimmten Verkehrsmitteln üben wiederum einen starken Einfluss auf
städtische Strukturen und die notwendigen Infrastrukturen aus. So wurde die Wohn-Sub-
urbanisierung der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in starkem Maß durch die Ver-
fügbarkeit des Pkw und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur für den motorisierten Indi-
vidualverkehr gefördert [2].
Erwartungen gehen davon aus, dass mit dem vollautomatisierten Fahren ein ganz neues
Verkehrssystem entsteht, das nicht nur neue Möglichkeiten der Verkehrssteuerung mit sich
bringt, sondern auch ganz neue Beförderungsangebote generiert, welche die Wahl und
Nutzung von zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteloptionen beeinflussen (s. Kap. 12).
Die Vorstellung, dass beispielsweise die Zeit im Fahrzeug nicht mit Fahraufgaben verbracht
werden muss, sondern andere Aktivitäten zulässt, kann eine vollständige Neubewertung
des Faktors Zeit nach sich ziehen (z. B. [28]). Dies kann dazu führen, dass Nutzer für ihre
täglichen Wege andere (weiter entfernte) Ziele in Betracht ziehen oder gar ihre Wohnstand-
ortwahl verändern, da lange Pendelwege nicht mehr als nachteilig gesehen werden. Denkt
man diese Zusammenhänge konsequent weiter, so wäre letztlich die Auflösung des Faktors
Zeit als begrenzende Variable der Stadtentwicklung möglich. Wird also die Verfügbarkeit
vollautomatisierter Fahrzeuge das Wechselverhältnis zwischen Mobilität und städtischen
Strukturen völlig neu definieren? Zu dieser Frage existieren mit wenigen Ausnahmen [3]
noch keine Vorstellungen. Die Visionen zur Integration des autonomen Fahrzeugs in das
städtische Verkehrssystem beziehen sich derzeit im Wesentlichen noch auf die Entwicklung
der Fahrzeugtechnologie selbst und die Auswirkungen auf den Verkehrsfluss.
Vor diesem Hintergrund ist es Ziel dieses Beitrags, die möglichen stadtstrukturellen
Entwicklungen unter dem Einfluss eines Verkehrssystems mit autonomen Fahrzeugen aus-
zuloten. Gleichermaßen soll abgeschätzt werden, in welcher Weise politische und ökono-
mische Rahmenbedingungen diese Entwicklungen beeinflussen können. Die folgenden
Fragen stehen dabei im Vordergrund:
Welche zukünftigen Möglichkeiten eines durch automatisiertes Fahren veränderten
bzw. veränderbaren Verkehrssystems sind denkbar?
Welche Auswirkungen auf Stadtstrukturen, insbesondere auf deren Dichte, Nutzungs-
mischung und Gestaltung, könnten zukünftig damit verbunden sein?
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung