Page - (000328) - in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Image of the Page - (000328) -
Text of the Page - (000328) -
31715.2
Ein Modell des Fahrens
Typische Parameter für die beiden Zeitkonstanten sind dabei durch α=1 20/ 1/s2 und
β =1 15/
, 1/s gegeben; bei diesen Werten sind solche Regler so eingestellt, dass sie von
Fahrern als angenehm und natürlich empfunden werden [12]. Für den bevorzugten Abstand
g v
v*(
)= τ wird im Wesentlichen die gesetzliche Regel übernommen, wenn auch mit einem
etwas kleineren Wert der bevorzugten Zeitlücke W, z.B. τ =15, s, der auch im Folgenden
verwendet wird. Das Modell in Gleichung (15.2) wurde ursprünglich von Helly 1959 [13]
als ein Modell eingeführt, das einen menschlichen Fahrer beschreiben soll. Das unter-
streicht die Behauptung, dass viele Fahrermodelle und die Modelle für das autonome
Fahren mathematisch sehr ähnlich sind. Worin sie sich unterscheiden, wird versucht in
Abschn. 15.3 zu spezifizieren.
Das Modell in Gleichung (15.2) hat Grenzen. Beispielsweise ist es nur für bestimmte
Parameter α β
( ) sicher und auch nur für eine kleine Auswahl von Parametern kolonnen-
stabil. Unter Kolonnenstabilität wird verstanden, dass auch eine Kette von mehreren
Fahrzeugen, die hintereinander herfahren, nicht anfängt sich aufzuschaukeln: Aus kleinen
Störungen, z. B. ein schwaches Bremsen des ersten Fahrzeugs wird entlang der Kette ein
immer stärkeres, das im Extremfall bis zum Stillstand eines der Fahrzeuge in der Kette
führen kann. Oder auch zu einem Verkehrsunfall. Dieses Verhalten ist bislang nur in sehr
speziellen Situationen gefunden worden (s. z. B. [19]), es scheint nicht der Normalfall
zu sein.
Allerdings werden die Parameter mit Kolonnenstabilität von menschlichen Fahrern als
nicht sehr angenehm empfunden, weshalb AIC-Regler hier meistens einen Kompromiss
eingehen, der zu einer schwachen Kolonneninstabilität führt [12].
Daher wird hier ein anderer Ansatz betrachtet, der in der Tradition der Modelle in [14],
[15], [16] steht. In einem ersten Schritt wird überlegt, dass eine wichtige Bedingung für
sicheres Fahren erfüllt ist, wenn Folgendes gilt:
d v v DV
g(
)+ ≤ (
)+τ .
In dieser Gleichung sind DV d
v(
) ( ) die Bremswege des führenden und des folgenden
Fahrzeugs. Offensichtlich setzt dieses Modell voraus, dass der Folgefahrer eine Vorstellung
davon hat, ob und wie das Führungsfahrzeug fahren bzw. bremsen wird. Das ist sicherlich
nicht vollständig korrekt, dennoch funktioniert Fahren in vielen Fällen unter der Annahme,
dass die anderen Fahrer sich so ähnlich verhalten wie man selbst.
Allerdings bedeutet das auch, dass sich der aus dieser und der folgenden Gleichung
resultierende Ansatz durch ein „merkwürdiges“ Verhalten des Führungsfahrzeuges aus-
tricksen lässt. Verfügt das Führungsfahrzeug z. B. über ein Notbremssystem, das Verzöge-
rungen bis zu 12 m/s2 erlaubt, dann verletzt es die Annahme, dass es sich so ähnlich verhält
wie das Folgefahrzeug – typische Verzögerungswerte menschlicher Fahrer liegen im Be-
reich bis maximal 4 m/s2 –, und weist damit einen viel kürzeren Bremsweg auf. Ein wenig
lässt sich das noch ausgleichen, wie auch die folgenden Simulationsergebnisse zeigen, weil
die aus diesem Ansatz resultierenden Gleichungen bei starkem Bremsen des Führungsfahr-
zeugs im Extremfall ihre eigene Bremsverzögerung überschreiten können. Andererseits ist
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung