Page - (000377) - in Autonomes Fahren - Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Image of the Page - (000377) -
Text of the Page - (000377) -
Sicherheitspotenzial automatisierter Fahrzeuge: Erkenntnisse aus der
Unfallforschung364
17.4.2.2 Interdisziplinäre Wirkgradanalyse zu verfügbaren
Fahrerassistenzsystemen
Aufbauend auf den Vorteilen interdisziplinärer Einzelfallbetrachtungen zur Wirkung von
Lane Departure Warning im vorangehenden Abschnitt wurde vier Jahre später eine weite-
re interdisziplinäre Wirkgradanalyse durchgeführt, um das Potenzial bereits in Serie be-
findlicher sicherheitserhöhender Fahrerassistenzsysteme zu vergleichen. Diese Studie er-
folgte anhand einer Stichprobe von rekonstruierten Unfällen (n = 100) in enger Absprache
mit den jeweiligen Funktionsentwicklern. Die interdisziplinäre Unfalldatenauswertung in
Bezug auf die Unfallursache und die situationsabhängige Wirksamkeit der Fahrerassistenz-
systeme zur Vermeidung eines Unfalls fĂĽhrte ein Psychologe gemeinsam mit dem Verfasser
durch [25]. Zur Untersuchung standen die seit Anfang 2010 angebotenen Seriensysteme
Night Vision, Lane Departure Warning, Lane Change Assistant sowie Geschwindigkeits-
mit Abstandsregelanlage (Adaptive Cruise Control). FĂĽr diesen Wirkgradnachweis erfolg-
te eine Auswertung von Unfallforschungsdaten, die anhand der Unfallstatistik fĂĽr Bayern
gewichtet wurde. Dabei wurden Realunfälle mit der rekonstruierten Unfallszene abge-
glichen und in Bezug auf die Mensch-Maschine-Interaktion der Unfallursache bewertet.
Dies erfolgte analog zu den im ADAS Code of Practice fĂĽr die Entwicklung und sicheren
Inverkehrbringung von kĂĽnftigen Advanced Driver Assistance Systems (ADAS) mit akti-
ver Längs- und Querführung beschriebenen Mensch-Maschine-Interaktionen [26]. Nach
mehrjähriger Vorbereitung [27, 28] erfolgte 2009 die Veröffentlichung durch die ACEA
[29]. AusschlieĂźlich nach Zustimmung aller Entwicklungsexperten der jeweiligen Systeme
kam es zu einer positiven Zuordnung eines Unfallvermeidungspotenzials. Ergebnis: Die
untersuchten Systeme reduzierten die Unfallschwere deutlich.
Insgesamt konnte ein positiver Nutzen der untersuchten Fahrerassistenzsysteme durch
die Vermeidung von Verkehrsunfällen mit einem Rückgang der Gesamtzahl der verletzten
Personen um 27 Prozent prognostiziert werden. Dabei wĂĽrde sich die Anzahl der Verletzten
von ursprĂĽnglich 126 Fahrern mit 49 Beifahrern auf 94 Fahrer mit 33 Beifahrern redu-
zieren. Zu beachten ist, dass die Ergebnisse unter der Annahme optimaler Reaktionen
hinsichtlich der Mensch-Maschine-Interaktionen stehen, die fĂĽr eine Aussage zum Wirk-
grad durch eine Probandenstudie zu verifizieren wäre. Weiterhin müsste eine 100-prozen-
tige Verbreitung der Systeme gewährleistet sein, die innerhalb der Systemgrenzen fehlerfrei
arbeiten.
Die vorgenommene Verletzungseinstufung erfolgte auf Basis der Abbreviated Injury
Scale (AIS) [30], wie sie auch die ISO 26262 fĂĽr die funktionale Sicherheit nutzt [31].
Diese AIS codiert jede Verletzung am menschlichen Körper mit einem Zahlenwert zwischen
1 (leicht verletzt) und 6 (nicht therapierbar). Dabei definiert sich die schwerste Verletzung
aller Einzelverletzungen einer Person als MAIS (Maximum AIS). Eine unverletzte Person
erhält die Einstufung MAIS 0.
Bei der weiteren Auswertung der Unfallursachen ergab sich ein Anteil der sogenannten
Informationsfehler – also Störungen beim Informationszugang und der Informationsauf-
nahme – von über 60 Prozent. Daraus erklärt sich die entsprechend große Wirkung der
warnenden Assistenzsysteme [25].
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung