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43120.3
Methoden zum Umgang mit Unsicherheiten der maschinellen Wahrnehmung
Hinsichtlich des funktionalen Verhaltens der Existenzschätzung gelten dieselben
Einschränkungen wie bei der Zustandsschätzung. Es wird fortlaufend ein probabilistisches
Maß für die spezifische Existenz des Objekts geliefert. Sensorausfälle während des
Betriebs können daher auch in dieser Unsicherheitsdomäne zuverlässig erkannt werden.
Eine Vorausschau auf eine künftige Leistungsfähigkeit ist allerdings hier ebenfalls nicht
möglich.
20.3.4 Klassenunsicherheit
Klassifikationsverfahren zur Bestimmung der Objektklasse, also das Bestimmen seman-
tischer Informationen, sind sehr sensorspezifisch aufgebaut. Aufgrund des signifikant
höheren Informationsgehaltes überwiegen im Bereich der Klassifikation bildbasierte Ver-
fahren. Grundsätzlich unterscheidet man lernende Verfahren, bei denen der Klassifikator
aufgrund von Positiv- und Negativbeispielen offline trainiert wird und der dann im Online-
betrieb die trainierten Objektklassen mehr oder weniger gut erkennen kann. Die im
Training verwendeten Merkmale werden entweder vorgegeben oder auch selbst im
Lernprozess implizit generiert. Methodisch haben sich bei den lernenden Verfahren zwei
grundsätzliche Vorgehensweisen etabliert. Zum einen sind dies kaskadierte Verfahren
nach Viola und Jones [20] oder Methoden basierend auf verschiedenen Neuronalen Netzen
[21], [22].
Eine eher klassische, aber ebenfalls noch übliche Vorgehensweise ist es, aus Sensordaten
möglichst zahlreiche, für die unterschiedlichen Klassen diskriminierende deterministische
Merkmale wie Länge, Breite oder Geschwindigkeit festzulegen und hierfür die klassen-
spezifischen statistischen Schwankungsbereiche zu ermitteln. Der Mittelwert der Einzel-
merkmale wird inklusive Schwankungsbreite beispielsweise durch eine Normalverteilung
approximiert. Anschließend erfolgt auf Basis der aktuellen Messwerte und der bekannten
Merkmalverteilungen die Bestimmung der nach im Bayes‘schen Sinne wahrscheinlichsten
Klasse. Sollen unterschiedliche Sensoren kombiniert verwendet werden, die jeweils nur
einzelne Merkmale des Gesamtsets erfassen können, bietet sich die Dempster-Shafer-
Theorie [16] zur Klassenbestimmung an, da sie es erlaubt, auch „Nichtwissen“ zu berück-
sichtigen. Diese Verfahren sind in der Regel allerdings weniger leistungsfähig als lernende
Verfahren, sodass sie vermutlich weiter an Bedeutung verlieren werden.
Nachteilig bei allen genannten Klassifikationsverfahren ist, dass keine theoretisch fun-
dierten Wahrscheinlichkeiten für die augenblickliche Güte der Klassifikation bestimmt
werden können. Hierzu existiert zurzeit keine umfassende theoretische Basis. Als Ausgabe
der Klassifikatoren dient zurzeit lediglich ein individuelles Zuverlässigkeitsmaß, das auf
den Wertebereich von null bis eins normiert werden kann. Eine Wahrscheinlichkeit im
engeren Sinne stellt es nicht dar, sodass unterschiedliche Algorithmen diesbezüglich auch
nicht vergleichbar sind. Bildbasierte trainierte Klassifikatoren unterscheiden sich so sehr
von merkmalbasierten Verfahren aus Lidar- oder Radarsensoren, dass deren einheitliche
Behandlung nicht einfach möglich sein wird.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
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