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Die Freigabe des autonomen
Fahrens458
Aus dieser Überlegung folgt ironischerweise, dass je leichter die Fahrzeugführung ist,
desto mehr Testkilometer absolviert werden müssten, da der Vergleichswert entsprechend
größer ist. Für den Autobahnpiloten folgt aus den aktuellen Zahlen des Statistischen Bun-
desamtes ein Vergleichswert von 662 Millionen Kilometern zwischen zwei Unfällen mit
Getöteten. Dementsprechend müssten 6,62 Milliarden Testkilometer auf der Autobahn
absolviert werden, um den dargestellten Bedingungen zu entsprechen.
Dieser theoretische Exkurs in die Statistik zeigt, dass die Freigabe zur Herausforderung,
wenn nicht sogar zur Falle für das autonome Fahren werden kann. Dabei wurden mehrere
Faktoren für die Ermittlung der Testkilometer noch nicht adressiert; beispielsweise würde
eine Variation des Systems zu einem erneuten Fahren der Testkilometer führen, oder der
Test mit und ohne Insassen könnte mit einem Faktor zwei in die Berechnung eingehen. Wie
sich die unterschiedlichen, hier nicht betrachteten Parameter wie Einsatzbereich, Unfall-
folgentyp, Unfallverursachung und Vergleichsfahrzeuge auf die ermittelten notwendigen
Kilometer auswirken, wird in Winner [22] detailliert hergeleitet.
Bei diesen Überlegungen handelt es sich um eine theoretische Betrachtung mit frei
getroffenen Annahmen. Dennoch eignet sich dieser Ansatz, um die Problematik und die
Herausforderungen aufzuzeigen sowie die nun folgenden Ansätze zu motivieren.
21.6 Ansätze für das Lösen der Freigabeherausforderung
Wie gezeigt wurde, bildet das autonome Fahren ein neues Testobjekt, das aufgrund seiner
Eigenschaften den Einsatz der klassischen Testkonzepte infrage stellt. Das Überwinden der
beschriebenen Freigabeherausforderung bedarf neuer Ansätze: Dementsprechend wird im
nächsten Unterabschnitt diskutiert, warum aus Sicht der Freigabe das Wiederverwenden
von freigegebenen Funktionen und somit ein evolutionärer Ansatz notwendig erscheint.
Daran anschließend werden existierende Ansätze diskutiert, die eine Beschleunigung der
Freigabe ermöglichen könnten.
21.6.1 Wiederverwenden freigegebener Funktionen
Die erste und einfachste Möglichkeit, eine Freigabe für ein neues System zu erhalten, ist
das Wiederverwenden von bereits freigegebenen Funktionen. Wird ein System in gleicher
Weise wie zuvor eingesetzt, so kann die bereits erteilte Freigabe übernommen werden. Ein
erweiterter Funktionsumfang ist jedoch neu abzusichern; je kleiner dabei der neue Bereich
ist, desto geringer wird der Aufwand.
Dieser Argumentation folgend scheint eine Evolution über alle Dimensionen als
möglicher Ansatz, um die Freigabeherausforderung zu beherrschen. Mit den Dimensionen
ist hier beispielsweise die Geschwindigkeit, der Einsatzbereich, aber auch der Auto-
mationsgrad gemeint. Bei der Wahl der Evolutionsschritte können zwei Ansichten unter-
schieden werden: Aus Sicht eines Funktionsentwicklers ist die Autobahn während
Autonomes Fahren
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