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63128.5
Fazit und Ausblick
für Mängel zeigt die deutliche Zunahme weltweiter Rückrufaktionen. Tauchen im Serien-
betrieb bislang unbekannte Fehler auf, sind für diese gegebenenfalls nach einer Risikobe-
wertung entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Zur Risikoanalyse und Risikobeurteilung von Produktfehlern nach der Markteinführung
– im Hinblick auf die Notwendigkeit bzw. Dringlichkeit von Rückrufaktionen – nutzen
die EU und das deutsche Kraftfahrtbundesamt Tabellen des Schnellwarnsystems RAPEX
(Rapid Exchange of Information System) [32]. Die Risikoeinstufung erfolgt zunächst über
die Verletzungsschwere (Schadensausmaß S beispielsweise nach AIS) und die Eintritts-
wahrscheinlichkeit eines Schadens – ähnlich dem ALARP-Prinzip (As Low As Reasonab-
le Pos sible) [33], dem ISO 26262-Standard [22] und dem Code of Practice für ADAS mit
aktiver Längs- und Querführung [5, 6]. Daraus wird der Risikograd abgeleitet. Die ab-
schließende Beurteilung der Dringlichkeit von erforder
lichen Maßnahmen berücksichtigt
ein Ver
letzungsrisiko der verletzungsgefährdeten Menschen (Einfluss von Alter, körper-
licher Gesundheitszustand usw.) bzw. die Gefahr für einen mental gesunden Erwachsenen
(Reaktionsfähigkeit, Risikobewusstsein usw.) und die Nutzung von Schutzmaßnahmen wie
ange messene Warnhin weise (s. Abb. 28.6).
28.5 Fazit und Ausblick
Einerseits sind Erwartungen in der Gesellschaft verständlich, die zunehmend höchste
Sicherheitsansprüche an neue Technologien nach „Stand der Wissenschaft und Technik“
fordern. Andererseits verhindert ein unrealistischer Anspruch an die technische Perfektion
bzw. das Streben nach 100-prozentiger Fehlerfreiheit gegebenenfalls eine Markteinführung
automatisierter Fahrzeuge und damit die Chance auf ein revolutionäres Nutzenpotenzial.
Dadurch bleiben Innovationen aus.
Manche bahnbrechende Technologie stünde uns heute nicht zur Verfügung, hätten Vor-
sicht und Zurückhaltung bei ihrer Einführung die Oberhand gewonnen. Ein Beispiel für
eine mutige Innovation zeigte der deutsche Ingenieur und Automobilpionier Carl Friedrich
Benz. Bereits im Jahr 1885 absolvierte er mit seinem Prototyp, dem funktionstüchtigen
Benz-Patent-Motorwagen, die ersten Testrunden. In seinem Buch Lebensfahrt eines Er-
finders erinnert sich Benz an seine ersten Ausflüge:
Hatte ich meine Versuchsfahrten bis dahin mit besonderer Vorliebe weitab von der Stadt
vorgenommen – auf dem Fabrikgelände oder draußen auf dem alten, einsamen Wall (Ring-
straße), der damals noch um die Stadt Mannheim sich herumzog und fast gar nicht begangen
war –, so scheute ich vom Frühjahr 1886 ab die Menschen und ihre Kritik nicht mehr. [34]
Als der Motorwagen allerdings bei einer Panne liegenblieb, erntete Benz Mitleid, Spott und
Hohn:
Wie kann man sich in so einen unzuverlässigen, armseligen, lautlärmenden Maschinen-
kasten setzen. (…) Wenn ich einen solchen Stinkkasten hätte, würde ich zu Hause bleiben. [34]
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung