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Entwicklungs- und Freigabeprozess automatisierter
Fahrzeuge632
Trotz aller Verneinung und Ablehnung als Antwort auf das nächtelange beständige Arbeiten
an seiner Lebensaufgabe hielt Benz mit Unterstützung seiner Frau am Glauben an die Zu-
kunft seines Patentwagens fest und wurde damit Wegbereiter für eine der bedeutendsten
Innovationen moderner Mobilität. Die Vorbereitung auf Fahrzeuge mit fortgeschrittenem
Automatisierungsgrad erfordert ebenfalls eine konsequente Vorgehensweise nach dem
Vorbild von Benz.
Auch die Markteinführung hoch- und vollautomatisierter Fahrzeuge muss sich bislang
mit Barrieren auseinandersetzen. Die ersten Anbieter am Markt und damit die Pioniere
gehen zunächst erhöhte Risiken ein, sodass sich der mögliche gesamtgesellschaftliche
Nutzen durch diese neue Technologie nur gemeinsam umsetzen lässt. Homann beschreibt
diesen Entscheidungskonflikt bei der Markteinführung durch das entscheidungstheore-
tische Konzept des sogenannten Gefangenendilemmas. Zur Überwindung der bei hoch-
und vollautomatisierten Fahrzeugen vorliegenden Dilemmasituation müssen die unüber-
schaubaren Risiken für die Hersteller durch neue institutionelle Arrangements bewertbar
und entscheidbar gemacht werden [35]. Vorbehaltlose Information und transparente Politik
fördern und forcieren den fachübergreifenden gesellschaftlichen Dialog.
Bis heute muss der Fahrer aufgrund von Zulassungsvorgaben bei Serienfahrzeugen stets
seine Hände am Lenkrad behalten und besitzt permanent die Kontrolle über das Fahrzeug.
Auch automatisierte Forschungsfahrzeuge sowie absehbare Fahrzeugentwicklungen von
IT-Unternehmen, Automobilherstellern und Zulieferern werden in absehbarer Zeit bei
komplexen Verkehrssituationen einen Fahrer als verantwortliche Rückfallebene voraus-
setzen.
Fahrerlose Fahrzeuge hingegen bedeuten den Beginn einer völlig neuen Dimension.
Neue Ansätze und Aktivitäten sind unabdingbar [36]. Es gilt, sich an der zukünftigen Mög-
lichkeit des vollautomatisierten Fahrens zu orientieren, aus Mustern der Vergangenheit zu
lernen und bisherige Vorgehensweisen innerhalb der technischen Eignung und wirtschaft-
lichen Zumutbarkeit dem Stand der Wissenschaft bzw. der Technik anzupassen [37].
Neben einer allgemeinen Klärung der Verantwortung für Unfall- und Produktrisiken
können möglicherweise neue begleitende Maßnahmen wie Schulungen oder spezielle
Fahrzeugbeobachtungen zur erfolgreichen Markteinführung und zum sicheren Betrieb
beitragen. Für den erforderlichen Informationsaustausch, die Speicherung von Fahrzeug-
daten (beispielsweise Event Data Recorder) und möglichen kriminellen Eingriffen sind
abgestimmte technische Schutzvorkehrungen vorzusehen (s. Kap. 25, 30). Neben ab-
gestimmten Datenschutzrichtlinien werden Experten der Technikethik, beispielsweise in
einem Code of Ethics, die Einhaltung ethischer Werte sicherstellen (vgl. Abb. 28.3, 28.4,
28.5). Dabei sind Sicherheitsanforderungen im Sinne der grundlegenden ethischen Frage
„Wie sicher ist sicher genug?“ zu beantworten. Expertenerfahrungen können Entschei-
dendes zur Erhöhung der Sicherheit und zur Erfüllung von Kundenerwartungen bei
akzep tablen Risiken beisteuern. Vor dem Hintergrund zunehmender Verbraucheranfor-
derungen sind Expertenerfahrungen – insbesondere aus bisherigen Produkthaftungsver-
fahren – zur Er
höhung der Produktsicherheit im Entwicklungs- und Freigabeprozess un-
verzichtbar.
Autonomes Fahren
Technische, rechtliche und gesellschaftliche Aspekte
Gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung