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145Die
Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
hatte , scheint gegen Ende des zweiten Jahrzehnts des 13. Jahrhunderts den Plan ge-
fasst zu haben , in Wien eine neue Residenz zu errichten. Zu den ersten Maßnah-
men gehörte der Neubau der Hofpfarrkirche St. Michael , deren Stiftungsurkunde
vom 18. November 1221 überliefert ist , zwar nur in einer Niederschrift des 14. Jahr-
hunderts , die aber inhaltlich für glaubwürdig gehalten wird479. Die Kirche besitzt
ein dreischiffig basilikales Langhaus , Querschiff und Chorquadrat und weist einen
auffallend unregelmäßigen , vom axialen und rechtwinkeligen Schema abweichen-
den Grundriss auf ( Abb. 53 ). So wie im Querhaus in Lilienfeld liegen die Kreu-
zungspunkte der Rippengewölbe weder im Mittelschiff noch in den Seitenschif-
fen auf Achse. Die bauhistorische Analyse lässt erkennen , dass der Kirchenbau
am Querhaus begonnen wurde , dessen Seitenarme so wie die Vierung spitzbogige
Kreuzrippengewölbe über trapezförmig verzogenen Jochgrundrissen aufweisen480.
Die Gliederung des Langhauses war , wie Hellmut Lorenz nachgewiesen hat , ur-
sprünglich im gebundenen System mit quadratischen Mittelschiffjochen so wie in
der Wiener Schottenkirche geplant und wurde , wie Reste von Gewölbeanfängern
beweisen , im östlichsten Joch bereits nach diesem Prinzip begonnen481. Bald nach
Baubeginn änderte man jedoch das Konzept und führte stattdessen eine Abfolge
von fünf durchlaufenden Travées mit breitrechteckigen Mittelschiffjochen und un-
regelmäßigen , quadratischen , breit- oder längsrechteckigen und auch trapezför-
mig verzogenen Seitenschiffjochen aus. Mit dieser Grundrissgestaltung entsprach
das Langhaus der Michaelerkirche der gleichzeitig erbauten Pfarrkirche ( Liebfrau
enkirche ) in Wiener Neustadt sowie der Stiftskirche Lilienfeld482.
Die westlichen Vierungspfeiler von St. Michael mit kreuzförmigem Pfeiler-
kern , Halbsäulenvorlagen und eingestellten Dreiviertelrunddiensten zeigen einen
ähnlichen , aber durch zusätzliche Absätze noch bereicherten strukturellen Auf-
bau wie jene in Lilienfeld ( Abb. 54 ). Am Langhaus
der Michaelerkirche lässt sich an den Baudetails eine
stilistische Entwicklung von Osten nach Westen ab-
lesen. Die Arkadenöffnungen der Seitenschiffe in die
Querhausarme besitzen Unterzüge aus breiten , recht-
eckig profilierten Gurten und schlichte , kapitellose
Kämpfergesimse. Die östlichsten Arkaden des Lang-
hauses weisen Unterzüge auf , bei denen diesem Gurt-
Abb.
54 : Aufrissschnitt durch das Langhaus der Michaelerkirche
in Wien
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur