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151Die
Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
in welchem der Deutsche Ritterorden mindestens seit 1245 Besitzungen und die
Gebäude seiner Kommende hatte. Für das südöstliche Stadtviertel ist der Name
Dreifaltigkeitsviertel überliefert , das südwestliche Viertel wurde nach dem 1240
gestifteten Minoritenkloster Brüderviertel genannt. So wie bei vielen anderen
Stadtgründungen des 13. Jahrhunderts in Mitteleuropa wurden auch in Wiener
Neustadt Bettelordensklöster nahe der Stadtmauer angesiedelt. Mit ihren Stein-
bauten bildeten sie vielfach sogar Teile der Stadtbefestigung. In Wiener Neustadt
wurde beim Ungartor 1227 das Dominikanerkloster gegründet. Auch das Domi-
nikanerinnenkloster St. Peter an der Sperr nächst dem Wiener Tor wurde wohl
noch zur Regierungszeit Herzog Leopolds errichtet.
In der Mitte eines großen Platzes im nordwestlichen Stadtviertel wurde die
der heiligen Maria ( unserer Lieben Frau ) geweihte Pfarrkirche ( Liebfrauenkirche )
errichtet. Ihre Längsachse ist nicht ost-westlich ausgerichtet , sondern um ca. 50 °
nach Nordosten verschwenkt. Mit einer ursprünglichen Länge von 85 m reichte
die Stadtpfarrkirche von Wiener Neustadt nahezu an die Maße der Stiftskirche
Lilienfeld ( Länge : 86 m ) heran ( Abb. 59 a und b ). Die Prismenkörper der beiden
Westtürme wurden durch Rundbogenfriese zwischen Eckpilastern in fünf Ge-
schosse gegliedert und mit einzelnen und paarweise gekuppelten Rundbogenfens-
tern sowie mit Rundfenstern versehen ( Abb. 60 b ). In der Mitte der Westfassade
( Abb. 60 a ) befand sich in einem flachen Vorbau ein rundbogiges Westportal mit
beiderseits fünffach abgestuftem Säulengewände. Über dem Portal war zwischen
erstem und zweitem Turmgeschoss eine große Fensterrose angeordnet , die von ei-
nem Dreiecksgiebel mit aufsteigendem Rundbogenfries überragt wurde.
Die Westfassade einschließlich der Westtürme wurde 1886 wegen Baufällig-
keit abgetragen und zwischen 1892 und 1899 als weitgehend authentische Kopie
der ursprünglichen Anlage durch Architekt Richard Jordan wiederaufgebaut. Das
ursprüngliche bemalte Tympanon des Westportals ist noch erhalten und befindet
sich im Stadtmuseum von Wiener Neustadt492. Zur Beurteilung des Originalzu-
standes sind daher historische Fotografien vor 1886 sowie eine zeichnerische Bau-
aufnahme von Architekt Jordan vor Beginn der Abbrucharbeiten im Stadtarchiv
Wiener Neustadt ( Abb.
60 a und b , 61 ) heranzuziehen.
Nicht im ursprünglichen Zustand erhalten ist der Chorbereich der Kirche.
Die Fundamente des ersten Bauzustandes wurden 1977 / 1978 durch Ausgrabun-
gen ermittelt. Demnach hatte die Kirche ein unmittelbar an das Mittelschiff des
Langhauses anschließendes Chorquadrat mit einer eingezogenen Halbkreisap-
sis ; auch die Seitenschiffe waren nach Osten mit Halbkreisapsiden abgeschlossen
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur