Page - 170 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
Image of the Page - 170 -
Text of the Page - 170 -
Die Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
170 Pfarrseelsorge. In Lilienfeld hatte der Herzog indessen eine
Kirche in den Ausmaßen einer Kathedrale erstehen lassen ,
wie anlässlich der 1217 erfolgten ersten Teilweihe bereits of-
fenkundig wurde. In Klosterneuburg war die Capella Spe-
ciosa der Herzogspfalz in Fertigstellung begriffen , die Bi-
schof Gebhard im Jahre 1222 konsekrieren sollte. Dieser Bau
nach dem Vorbild der gotischen Kathedralbaukunst Frank-
reichs ( Reims , Auxerre ) war in Mitteleuropa bis dahin ohne
Beispiel. In ihrer glanzvollen baulichen Erscheinung war die
Pfalzkapelle zweifellos der eindrucksvollste Sakralbau ihrer
Zeit in Österreich ; wenn sie außerdem noch zum Hort kost-
barster Reliquien bestimmt war , konnte dies ihre Bedeu-
tung auch in religiöser Hinsicht nur noch steigern.
Bischof Gebhard sah sich jedenfalls veranlasst , mit die-
sen jüngsten architektonischen Initiativen des Herzogs
von Österreich in Konkurrenz zu treten. Während Bischof
Ulrich , sein Vorgänger , einst Untergebener und Protono-
tar des Babenbergerherzogs gewesen war565 , entstammte
Gebhard einer mächtigen , hoch angesehenen Familie , dem
Geschlecht der Grafen von Playen ( Plain- )Hardegg , die
nicht nur im nördlichen Niederösterreich , sondern auch in
Salzburg und Bayern begütert waren566. Bischof Gebhard
war eng mit den einflussreichen Grafen von Andechs-
Meranien verwandt , zu seinen Blutsverwandten zähl-
ten Bischof Ekbert von Bamberg , Patriarch Berthold von
Aquileia und Königin Gertrud von Ungarn567. Enge Ver-
bindungen zu den Herzogen von Bayern verschafften Bi-
schof Gebhard politischen Rückhalt gegenüber Österreich.
So trat Gebhard dem Babenbergerherzog machtvoll ent-
gegen , als dieser in seinem Land Bestrebungen des Regu-
larklerus nach Unabhängigkeit vom Bischof unterstützen
wollte , und zögerte auch nicht , Leopold VI. zu exkommu-
nizieren ; diese Kirchenstrafe wurde erst durch Vermittlung
des Bischofs von Prag als päpstlicher Schiedsrichter 1229 wieder aufgehoben568.
Bischof Gebhard von Passau erkannte bald Möglichkeiten , der glanzvollen
babenbergischen Sakralarchitektur eigene Leistungen entgegenzustellen. Eine
Abb.
74 : Kapitell einer Wandvorlage am
Dom in St. Pölten
Abb.
75 : Gewölbe der Rosenkranzkapelle
im Dom in St. Pölten
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur