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Die Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
172 ckengeschosse und Giebelaufbauten erhöht
( Abb. 8 ). Zwischen den Türmen wurden eine
vergrößerte Portalvorhalle errichtet571 und ein
abgetrepptes Säulenportal geschaffen572. Die
Westempore wurde so weit verbreitert , dass
sie nun auch die westlichsten Joche der beiden
Seitenschiffe mit umfasste573. Das basilikale
Langhaus zwischen Westturmpaar und Chor
wurde in sechs Jochschritten gotischer Travées
mit querrechteckigen Mittelschiffjochen und
quadratischen Seitenschiffjochen eingewölbt ;
es schloss ohne Unterbrechung durch ein
Querschiff an den Chor , dessen Mittelschiff
aus zwei ungleich großen Rechteckjochen mit
einer Halbkreis apsis und zwei kürzeren Chor-
seitenschiffen mit kleineren quadratischen
Doppeljochen bestand574.
Die Erneuerung der Stiftskirche St. Pölten
wurde vom Bistum Passau als demonstrati-
ver Akt gegen die kirchenpolitischen Initia-
tiven des Babenbergerherzogs inszeniert : Am
12. Oktober 1228 weihte Bischof Gebhard das
Münster von St. Pölten der Heiligsten Dreifal
tigkeit und einer großen Anzahl von Heiligen ,
wobei ein umfangreiches Reliquienverzeichnis präsentiert wurde575. Offensicht-
lich wollte man den Reliquienerwerbungen Herzog Leopolds VI. aus dem Kreuz-
zug von 1217 bis 1219 den reichen Bestand eigener Heiltümer der Passauer Kirche
entgegenhalten. Außerdem erfolgte die Weihe am Sonntag vor dem Fest des hl.
Koloman , eines weithin verehrten , in Melk beigesetzten Märtyrers , den der Ba-
benbergerherzog zum Landespatron erheben lassen wollte576. Mit der Einverlei-
bung des Koloman-Gedächtnisses in das Kirchweihfest von St. Pölten sollten an-
scheinend die Bemühungen des Babenbergerherzogs um den Kult dieses Heiligen
unterlaufen werden.
Die im Zuge von Freilegungen bekannt gewordenen Details vom Umbau der
Stiftskirche St. Pölten aus der Zeit Bischof Gebhards zeigen einerseits einzelne
altertümliche , andererseits auch sehr fortschrittliche Stileigenschaften. Verhält-
Abb.
77 : Freigelegte Basis einer Wandvorlage im Nord
schiff des Doms in St. Pölten
Abb.
78 : Freigelegte Basis eines Langhauspfeilers in der
Rosenkranzkapelle des Doms in St. Pölten
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur