Page - 188 - in Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
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Die Bautätigkeit Herzog Leopolds VI.
188 einer Sedilie im Chor der Stiftskirche St. Pölten findet. Das Tor besitzt einen pro-
filierten Rechteckrahmen , ähnlich wie das Südportal in Ardagger , doch ist in Pul-
kau das Profil in der Mitte des Sturzes unterbrochen , sodass das leere Tympanon
von zwei Konsolschultern getragen wird. Die Außenseite des Zylinderbaus ist mit
gebündelten Rundstabvorlagen gegliedert , wobei formale Übereinstimmungen mit
dem Bau der Kathedrale von Kalocsa in Ungarn auffallen , welchen Berthold von
Playen-Hardegg , ein Bruder Bischof Gebhards , im Jahre 1219 begonnen hatte631.
Noch ein weiteres Motiv weist nach Ungarn : Das rechteckig um die Eingangsöff-
nung in das Ossarium ( Beinhaus ) geführte Profilband umschließt in gleicher Weise
die Apsisfenster der westungarischen Klosterkirche Lébény ( erbaut zwischen 1208
und 1221 )632. Richard Kurt Donin hat formale Übereinstimmungen zwischen dem
Pulkauer Karner und der Hauptchor apsis der Stiftskirche von St. Pölten festge-
stellt633. Offensichtlich hat der in Bauangelegenheiten so eifrige Bischof Gebhard
auch der kleinen privaten Bauaufgabe dieser Gedächtnisstiftung für seinen Bruder
größte Aufmerksamkeit gewidmet und dabei seine besten Werkleute eingesetzt.
Im Überblick erscheint die Amtszeit Bischof Gebhards als wichtigste Phase
der Passauer Baukunst im 13. Jahrhundert. An die Stelle betonter Vergangen-
heitsbezüge seiner Vorgänger trat eine konstruktive Auseinandersetzung mit
neuen Vorbildern. Deren prägendstes war der Neubau des Bamberger Doms ,
nachhaltige Wirkung hatte aber auch der Salzburger Dom Konrads III. Mit dem
klugen , ökonomisch sparsamen Einsatz der verfügbaren Mittel gelang es Bischof
Gebhard innerhalb weniger Jahre , die großen bischöflichen Eigenkirchen im
Diö zesangebiet eindrucksvoll zu modernisieren. So verwandelten sich die früh-
und hochromanischen Kirchen von St. Pölten und Kremsmünster in durchge-
hend gewölbte Sakralräume fortschrittlicher Prägung , die den Bauten der Ba-
benberger in Wien , Wiener Neustadt und Lilienfeld kaum nachstanden. Mit
dem Baumotiv der Krypta am Chor des Passauer Stephansdoms und in Ardagger
war Passau schließlich auch in den architektonischen Dialog mit Salzburg ein-
getreten. Zwar fehlten Bischof Gebhard die Mittel , in Passau einen Domneubau
von vergleichbarer Größe zu errichten , wie er seit Neuestem am Metropolitansitz
Salzburg bestand , doch war der Chorneubau immerhin ein Schritt zur Erneue-
rung des ottonischen Kaiserdoms. Dieser lieferte aber nach wie vor mit dem mar-
kanten , altehrwürdigen Bestand seiner Doppelturmfront gleichsam das Marken
zeichen für die bischöfliche Architektur Passaus auf österreichischem Gebiet.
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur