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Kaiser Friedrich II. in
Wien226
ne qualitative Bereicherung des normannischen Formenrepertoires. Zuvor hatte es
hier weder die unterschnitten gearbeiteten Rhombenreihungen noch die tief he-
rausgearbeiteten Chevrons und Rautengitter gegeben. Dies erscheint insofern be-
deutsam , als die unterschnittenen Friese aus Fischgrätmustern und Rautengittern
am Wiener Riesentor auftreten , nicht jedoch an dem in mehrfacher Weise vorbild-
lichen Nordportal in Třebič.
Es sind kaum endgültige Aussagen darüber möglich , in welchem Ausmaß Kai-
ser Friedrich II. an diesen Bauvorhaben persönlich Anteil genommen hat. Über-
liefert ist allerdings , dass sich der Kaiser selbst wiederholt mit baukünstlerischen
Fragen befasste. So berichtet der Geschichtsschreiber und Hofnotar Friedrichs
II. , Richard von San Germano , dass der Kaiser das Brückenkastell von Capua ei-
genhändig entworfen habe ( ipse manu propria consignavit )780. Auch beim Bau des
Königspalastes von Foggia im Jahre 1223 habe der Kaiser , wie eine Inschrift ver-
kündet , die Gestaltung genau so befohlen , wie sie dann Baumeister Bartolomeus
ausführte781. Friedrich II. berief Zisterzienserbauleute zur Errichtung der Kastelle
nach Apulien und in die Capitanata. Von seinem Aufenthalt in Jerusalem im Jahre
1228 ist sein Interesse an der Architektur der Omar-Moschee überliefert. 1231 ließ er
in Ravenna das Grabmal der Galla Placidia freilegen und restaurieren782. Es scheint
Friedrich II. geradezu freudig gereizt zu haben , am Rande der Staatsgeschäfte auch
durch baukünstlerische Maßnahmen immer wieder Akzente zu setzen. In diesem
Zusammenhang ist ein Forschungsergebnis von Wilhelm Deuer interessant : Er
konnte im Steiermärkischen Landesarchiv in Graz die Zeichnung eines Portals mit
normannischem Bauschmuck entdecken , das bis zum Brand von 1865 im Kloster
Admont bestanden hatte und das wahrscheinlich anlässlich des Aufenthalts von
Kaiser Friedrich II. in Admont im Spätherbst 1236 errichtet worden war783.
Durch die politische Situation , die nach der Absetzung des Babenbergerher-
zogs die österreichischen Länder und damit auch Wien , die neben Köln größte
Stadt des Reiches , in die Verfügungsgewalt des Kaisers gegeben hatte , bestand die
Gelegenheit , mit dem Umbau der Stephanskirche ein dynastisches Denkmal der
Stauferherrschaft zu schaffen , das gleichzeitig das in der Person Friedrichs II. wei-
ter lebende Erbe der normannischen Könige Siziliens ausdrücken sollte. Mit dem
Hinweis im Tympanonrelief auf die Weltherrschaft Christi , als dessen Vikar auf
Erden sich der Kaiser sah , und dem Wiederaufgreifen des bis auf Karl den Großen
zurückreichenden kaiserlichen Westwerkmotivs in der monumentalen Gestaltung
der Doppelturmfassade mit Trichterportal und Herrscherempore deklarierte sich
der Bau als intendierter Kaiserdom. Mit der prononcierten Stilausrichtung der
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur