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Die Grenzbefestigungen 279
spätmittelalterlichen Burg von Wiener Neustadt
konnte Adalbert Klaar die vier ursprünglichen
Ecktürme der Kastellburg aus dem 13. Jahrhun-
dert substanziell nachweisen. Der südöstliche
Eckturm sprang gegenüber den anschließen-
den Kurtinen , die zugleich die Stadtmauer bil-
deten , flankierfähig vor , der Nordostturm war
hinter die Stadtmauer eingerückt. Auch der
Nordwestturm scheint über die anschließenden
Kurtinen etwas vorgesprungen zu sein , wäh-
rend der größte der vier Türme an der Südweste-
cke in die Flucht der südlichen Stadtmauer ein-
gebunden war. Mit den Grundrissmaßen von
64 ,5 × 76 ,6 Meter war die Stadtburg von Wiener
Neustadt bedeutend größer als die Wiener Hof-
burg. Ihre Errichtung dürfte unmittelbar nach
der Aussöhnung des Kaisers mit dem Babenbergerherzog Friedrich dem Streitba-
ren erfolgt und von diesem ausgeführt worden sein , da der Herzog zwischen 1240
und 1246 , nunmehr als Verbündeter des Kaisers , dessen Politik mittrug.
Überhaupt ist zur Beurteilung der Planung beziehungsweise der Verwirkli-
chung des gesamten Festungsgürtels entlang der ungarischen Grenze die histori-
sche Situation in Österreich zwischen 1237 und 1250 zu bedenken : Die Idee einer
Kette von Befestigungsanlagen von vorrangig militärischem Charakter , die nicht
in erster Linie zu Wohnzwecken oder als Adelssitz dienten , sowie die bevorzugte
Wahl der Kastellbauform weisen deutlich auf eine kaiserliche Initiative hin , die
sowohl im Interesse der Absicherung der Reichsgrenze als auch persönlicher poli-
tischer Pläne in Bezug auf Österreich gelegen war. Charakteristisch ist die Durch-
führung der Bauten in sehr kurzer Zeit , was an die forcierte Errichtung von über
200 Burgen und Kastellen zwischen 1230 und 1250 im sizilischen Königreich Fried-
richs II. denken lässt. Kennzeichnend für den Ablauf ist auch , dass offenbar alle
diese Bauten in Österreich so wie auch viele in Süditalien durch das dramatische
Ende der Stauferherrschaft unvollendet geblieben sind. Das Fehlen entsprechen-
der Überlieferungen von Ministerialen oder Adeligen als Erbauer dieser Burgen
scheint darauf hinzuweisen , dass der Kaiser , so wie in Sizilien , die Anlagen nicht
an Lehensträger vergab , sondern unter zentrale Kontrolle durch entsprechende
Verwalter ( Kastellane ) stellte , denen die Burgbesatzungen ( servientes ) unterstan-
Abb.
146 : Grundriss der Kastellburg in Wiener Neu
stadt mit Hervorhebung der Bauteile des 13. Jahr
hunderts
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur