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Die Bautätigkeit unter Herzog Friedrich II. dem
Streitbaren284
te , hat man im Mittelalter beim Neubau einer Kir-
che zu Ehren eines bestimmten Heiligen die Orien
tierung , das heißt die Ausrichtung der Längsachse ,
der Kirche von Westen nach Osten , nach der Rich-
tung des Sonnenaufgangs am Tag des Heiligenfestes
des Kirchenpatrons bestimmt. Tatsächlich zeigten
astronomische Messungen und Berechnungen von
Maria Firneis , dass die Längsachse des unterirdi-
schen Nischenraums nach der Richtung des Sonnen-
aufgangs am Festtag des hl. Koloman ausgerichtet
ist952. Da überliefert ist , wie sich Herzog Friedrich
der Streitbare darum bemüht hat , in den Jahren 1244
und 1245 die Erhebung des hl. Koloman zum Lan-
despatron seines Herzogtums zu erreichen , und die-
ses Vorhaben eng mit dem Plan der Errichtung eines
Bistums in Wien verbunden war , wird ein unmittel-
barer Bezug des unterirdischen Raums auf dem Ste-
phansplatz mit diesem Projekt erkennbar. Koloman ,
ein irischer Palästinapilger , war im Jahr 1012 auf der
Durchreise durch Österreich wegen seiner fremdar-
tigen Kleidung als böhmischer Spion aufgegriffen , gemartert und gemeinsam mit
zwei Straßenräubern an einem Holunderbaum erhängt worden. Markgraf Hein-
rich I. von Babenberg hatte am 13. Oktober 1014 die Gebeine Kolomans in das Be-
nediktinerkloster Melk bringen lassen , wo ihnen bald kultische Verehrung durch
die Bevölkerung zuteil wurde. Die Geschichte Kolomans hatte daher engen Bezug
zur Dynastie der Babenberger. Koloman wäre geradezu als Familienpatron dieses
Fürstengeschlechtes anzusehen gewesen. Als Jerusalempilger und Märtyrer besaß
sein Schicksal gerade in spätstaufischer Zeit höchste Aktualität , da nicht nur die
Herzoge von Österreich Heinrich II. Jasomirgott , Leopold V. , Friedrich I. und
Leopold VI. an Kreuzzügen teilgenommen hatten , sondern Kaiser Friedrich II. bei
seinem Kreuzzug von 1229 die heiligen Stätten in Jerusalem selbst wieder in Besitz
nehmen hatte können , die 1187 den Christen verloren gegangen waren , und sich
bei diesem Anlass auch selbst zum König von Jerusalem gekrönt hatte.
Wie die historischen Quellen berichten , waren 1245 die Vorbereitungen
zur Überführung der Gebeine Kolomans an den geplanten Sitz des neuen Bis-
tums – worunter nur St. Stephan in Wien zu verstehen sein kann – schon in vol-
Abb.
149 a und b : Details der „Virgil kapelle“
auf dem Stephansplatz in Wien
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur