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Die Bautätigkeit unter Herzog Friedrich II. dem
Streitbaren286
Beim Zusammenbau der Werkstücke des Riesentors muss es zu einer Abände-
rung des ursprünglichen Planes gekommen sein , wodurch sich unmotivierte Unter-
brechungen in der Kontinuität des Kämpferfrieses ergaben. Das in größerer Brei-
tenerstreckung konzipierte Tor wurde nun mit den Flanken der neu ins Programm
genommenen Vorhalle eingeengt , die dem Tor gleichsam wie die Schauseite eines
Triumphbogens vorgeblendet ist956. Dieser Eindruck war ursprünglich noch ver-
stärkt durch den oberen Abschluss des Portalvorbaus mit einem auf Konsolsäul-
chen ruhenden Kleeblattbogenfries. Die in der überwiegend glatten Mauerfläche der
Stirnwand eingefügten Kastenreliefs wirken wie antike Spolien. Fünf der Skulpturen
stammen noch aus der Erbauungszeit. Die frontale Figur eines mit übergeschlage-
nem Bein Thronenden , die als Darstellung eines Richters gedeutet wird , und die
beiden an den Ecken des Portalvorbaus eingefügten Löwen können als Rechtssym
bole angesprochen werden. Im Mittelalter war es Brauch , in Portalvorhallen der
Kirchen Gerichtsverhandlungen abzuhalten , wobei der Rechtsspruch inter leo
nes – zwischen oder angesichts der Löwenfiguren als Hoheitssymbole – erfolgte957.
Gestalterischen Formenreichtum besonderer Art bietet auch die Westempore
der Stephanskirche , deren Fetigstellung noch während der Regierungszeit Her-
zog Friedrichs des Streitbaren erfolgte : Große Rundfenster erhellen die Empore ,
deren Umrahmungen ebenfalls normannische Schmuckformen und französisch
beeinflussten Zierrat aufweisen958. Das Westfenster am nördlichen Heidenturm
besitzt ein tief unterschnittenes Zackenmuster , das über einen durchlaufenden
Mittelstab gelegt ist. Die Rahmung des Rundfensters am südlichen Heidenturm
zeigt dichtes pflanzliches Rankenwerk , das mit Kapitellen an der Wiener Michae
lerkirche und mit dem Archivoltenschmuck des Westportals der Klosterkirche von
Kleinmariazell959 zu vergleichen ist. An den Emporenfenstern nach Norden und
Süden hat sich an der Innenseite noch die ursprüngliche Fensterunterteilung er-
halten. Zwei der Rundfenster sind als Radfenster mit zehn bzw. zwölf Rundbogen
und einem mittleren Kreisring gestaltet. Ein Fenster an der Nordseite ist mit ei-
nem an den Endungen geschweift auslaufenden gleichschenkeligen Kreuz unter-
teilt , dessen Oberfläche schachbrettartig reliefiert ist. Ein Emporenfenster nach
Süden zeigt ein steinernes Gitter aus dicht verschlungenen Flechtwerkbändern ,
dessen Gestaltungsmotiv mit den gleichzeitigen Grisaillefenstern im Nordflügel
des Kreuzgangs von Heiligenkreuz vergleichbar ist960. Wahrscheinlich bestand in
der Mitte der Empore außerdem noch ein viel größeres Rundfenster – vergleich-
bar mit dem Emporenfenster der Liebfrauenkirche Wiener Neustadt – , das al-
lerdings im 15. Jahrhundert durch das heute bestehende große Spitzbogenfenster
Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Title
- Die Baukunst des 13. Jahrhunderts in Österreich
- Author
- Mario Schwarz
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78866-9
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 498
- Keywords
- Medieval architecture, Austrian art, Medieval art, Austrian architecture, Architectural history, 13th century architecture
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Kunst und Kultur